Al-Andalus und die Anfänge des Orientalismus: »Ḥayy ibn Yaqẓāns« Reise durch die europäische Aufklärungszeit

Das Forschungsprojekt unternimmt den Versuch, das Verhältnis der europäischen Aufklärung zu der ihr vorausgegangenen »islamischen Aufklärung« (H. M. Enzensberger) auf der iberischen Halbinsel – al-Andalus (711–1492) – näher zu bestimmen. Denn während mit der Vertreibung der konvertierten Muslime aus Spanien (1609–1614) die letzten Spuren von al-Andalus aus dem europäischen Gedächtnis verschwinden, beginnt wenig später in Nordeuropa die Inkubationszeit der Orientalistik, aus der wiederum der Orientalismus der europäischen Aufklärung hervorgehen wird. Im Mittelpunkt des Projekts steht die nordeuropäische Rezeption von Abū Bakr Ibn Tufails philosophischem Roman Ḥayy ibn Yaqẓān (arab. حي بن يقظان, wörtlich übersetzt ›der Lebende, Sohn des Wachenden‹) aus dem 12. Jahrhundert. Dieses Werk, das die »Lücke« zwischen der islamischen und der europäischen Aufklärung schließt (S. Aravamudan), erzählt die Geschichte eines auf einer Insel von einer Gazelle aufgezogenen Naturmenschen, der sich schrittweise qua Selbstbildung alle Wissensbereiche bis hin zum Wissen von Gott aneignet. Während die Migration des Romans durch Mittelalter und frühe Neuzeit, vom Arabischen ins Hebräische und vom Hebräischen ins Lateinische, durch den jüdischen Gelehrten Moses von Narbonne und den Humanisten Pico della Mirandola geprägt wurde, begann seine Karriere in der europäischen Aufklärung mit der 1671 in Oxford unter dem Titel Philosophus autodidactus veröffentlichten lateinisch-arabischen Edition der Orientalisten Edward Pococke Junior und Senior. Der binnen kurzer Zeit in mehrere moderne Sprachen übersetzte, von Locke, Leibniz sowie Lessing rezipierte Philosophus autodidactus erwies sich bald zugleich als Vorläufer und als Produkt der Aufklärung.

Das Projekt verfolgt das Ziel, anhand dieser literarischen Sensation eine transnationale intellectual history der Aufklärung zu erzählen, die so unterschiedliche Aspekte umfasst wie die Aushandlung religiöser Differenz innerhalb eines gespaltenen Christentums (etwa mit Boyle), den Experimentalgeist und den Empirismus (mit Locke), die ökonomische Imagination (mit Defoe) oder die Selbstbildung (mit Rousseau). Die ›Reise‹ des Romans durch Nordeuropa wirft die Frage auf, wie Bezüge auf den Islam oder auf einen imaginären Orient zur gezielten Säkularisierung des aufklärerischen Diskurses beigetragen haben. Ferner ergeben sich Berührungspunkte zur Agenda eines »Radical Enlightenment« (J. Israel), dessen säkulare Schreibstrategien der textuellen Doppelbödigkeit an einer vermeintlich orientalischen »geheimen Doktrin« geschult sind (U. App). In dem Maße, wie säkulare Konzepte der europäischen Aufklärung ihrerseits auf literarische Szenen, Tropen und narrative Verfahren angewiesen sind, könnten sie sich letzten Endes, so die zu erprobende These, indirekt als Erzeugnisse einer produktiven Fehllektüre der arabisch-andalusischen Vorlage aus dem 12. Jahrhundert erweisen. Denn gerade indem Ibn Tufails Hayy – mutmaßliche Vorlage kanonischer Werke der europäischen Literatur wie Morus’ Utopia oder Graciáns El Criticón – Ende des 17. Jahrhunderts plötzlich zum Bestand eines neuprofilierten imaginären Orients erklärt wird, kann das Werk zugleich von einer sich erfindenden intellektuellen Kultur der europäischen Aufklärung in die Pflicht genommen werden.

 

Abb. oben:
Daniel Defoe: Serious Reflections During the Life and Surprising Adventures of Robinson Crusoe: with his Vision of the Angelick World (1720), Boston Public Library, S. 9 [links]
Titelblatt Ibn Tufail: The History of Hai Eb’n Yockdan, an Indian Prince: or, the Self-Taught Philosopher, aus dem Lat. von George Ashwell, London 1686 [mittig]
Titelblatt Ibn Tufail: The Improvement of Human Reason, Exhibited in the Life of Hai Ibn Yokdhan, aus dem Arab. von Simon Ockley, London 1708 [rechts]

2021–2023
Leitung: Maud Meyzaud