Der Sinn der Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft. Eine Analyse von Ritters Kompensationstheorie

Selbst unter Geisteswissenschaftlern herrscht nicht immer Einigkeit darüber, was die Geisteswissenschaften überhaupt sind. Für manche sind sie die Bastion des den Naturwissenschaften grundsätzlich fehlenden ›kritischen Denkens‹ (Luri, Collini). Für andere sind sie Mittel der kreativen oder kulturellen Bewusstseinsbildung, das für demokratische Gesellschaften unabdingbar ist (Nussbaum, Said, Gauger/Rüther). In letzter Zeit wird sogar behauptet, dass die Geisteswissenschaften ebenso wie die Naturwissenschaften praktisches Wissen vermittelten (Bod). In Anschluss an Joachim Ritters philosophische Begriffsgeschichte problematisierte das Projekt eine Grundüberzeugung der aktuellen Debatten, wonach die ›Geisteswissenschaften‹ eine Art von ›zeitlosem Wissen‹ vorstellen, das im alten Griechenland seinen Anfang nahm und nun in Gestalt von Literatur, Geschichte und Philosophie bis in unsere Gegenwart hineinreicht.

Im Gegensatz zur aktuellen Diskussion ging Ritter davon aus, dass eine Analyse der Geisteswissenschaften nicht von der Untersuchung der Moderne getrennt werden kann. Die wissenschaftlichen, industriellen und politischen Revolutionen der Moderne hätten ein Bedürfnis mit sich gebracht, die Realität auf eine neue Weise zu begreifen, das zur Entstehung der Geisteswissenschaften geführt habe. So würden die Geisteswissenschaften z.B. die Veränderungen eines modernen, ›ahistorischen‹ Weltverständnisses kompensieren. Anhand einer Untersuchung der zentralen Begriffe ›Kompensation‹, ›Entzweiung‹ und ›Geschichte‹ wurde Ritters alternative Theorie der Geisteswissenschaften neu gedeutet.

Margarita Salas-Stipendium 2023
Leitung: David Hereza Modrego

 

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