Die Einverleibung der Innovation. Theorie- und Literaturwissenschaftsgeschichte eines Strukturmoments (1870/1970)

In der Geschichte der Literaturtheorie des langen 20. Jahrhunderts wechseln Phasen der Theorieemphase und Theorieermüdung einander ab. Insbesondere die beiden Konjunkturen der ›Verwissenschaftlichung‹ der Literaturanalyse um 1870 und um 1970 sowie die damit verbundenen Debatten über Theorieimporte aus den jeweiligen geisteswissenschaftlichen ›Leitdisziplinen‹ – Geschichtswissenschaft bzw. Soziologie – zeigen eine hohe Dichte an rhetorischer Zurückweisung neuer Denkangebote. Ausgehend von diesen beiden Phasen fragt das Projekt nach der Entwicklungslogik in der Geschichte der Literaturtheorie. Alternativ zu gängigen Konzepten wie dem ›Paradigmenwechsel‹ wird hier das Beschreibungsmodell der ›Einverleibung von Innovationen‹ vorgeschlagen. Statt theoriehistorische Zäsuren nur zu benennen, lenkt es den Blick auf die Formen der Aushandlung zwischen Altem und Neuen sowie auf die Wiederholungsschleifen in den Theoriegeschichten von Autorschaft, Historisierung und Fiktionalität.

In Anlehnung an Peter Bürger und Gerhard Plumpe beschreibt die ›Einverleibung‹ eine Entschärfung avancierter Theorien, die ursprünglich zur Umformung (Fleck) des geltenden Denkmodells angetreten waren. Indem neue, potenziell bedrohliche Ansätze von etablierten Forscher*innen wiederholt als unpraktikabel verworfen, mit den bereits bestehenden Methoden harmonisiert oder als Scheinneuerungen entlarvt werden, verfehlen sie ihre beabsichtigte Wirkkraft und nähren stattdessen das Überholte. Perspektiviert man solchermaßen zerkaute und verdaute literaturtheoretische Innovationen als Inventar des Paradigmas, das sie revolutionieren wollten, lassen sich literaturtheoretische Transformationen im 20. Jahrhundert, die sich weniger in Revolutionen als vielmehr in Schleifen vollzogen, besser verstehen. Die Entwicklung und Veränderung der Literaturtheorie würde dann auf einer doppelten Latenz fußen – auf der Latenz der vermeintlich überholten theoretischen Prämissen einerseits, die ihre Transformation einverleiben, um zu überleben; sowie auf der Latenz der Innovationen andererseits, deren Einverleibung fast immer einen Rest hinterlässt, der sich ggf. zu einem späteren Zeitpunkt Bahn brechen kann.

Die eigentümliche Beharrlichkeit der biographischen Lesart von Literatur z.B. ließe sich dann damit erklären, dass die unterschiedlich radikalen Versuche ihrer Verabschiedung im 20. Jahrhundert wiederholt von der jeweils erneuerten Dominanz autorzentrierter Lesarten neutralisiert und integriert wurden. Mit der Einverleibung ließe sich auch verstehen, warum protoformalistische Denkmodelle des mittleren 19. Jahrhunderts erst um 1900 in einer fundamentalen Kritik des ›Biographismus‹ wirken konnten. Indem hier das scheinbar Überholte, die Zurückweisung und die unterschiedlichen Schicksale der je einverleibten Innovation in den Vordergrund treten, wird die Forschungslage zur Geschichte der Literaturtheorie um Erkenntnisse über ihre eigenen impliziten Deutungsrahmen und wiederkehrenden Argumentationsmuster ergänzt. Ferner werden neue Perspektiven auf avancierte Vorstöße eröffnet, die nur in entschärfter Form und mitunter erst viel später wirken konnten. Und schließlich thematisiert das Projekt mit der Frage nach Hegemonie und Subversion, Sicht- und Sagbarkeit bzw. ihrer Verhinderung die eminent soziopolitische Dimension literaturtheoretischer Entwicklung. Ausgehend von diesen Überlegungen sind vorerst drei Projektziele zu unterscheiden:

  • Eine Systematik verschiedener Erscheinungsformen der Einverleibung
    Vom Verschlucken oder der Zähmung der Innovation über ihren nutznießenden Gebrauch und ihre Trivialisierung bis hin zur produktiven Revitalisierung der eigenen Prämissen lassen sich Abstufungen der Einverleibung mitsamt ihren theoriegeschichtlichen Konsequenzen denken, die am Material überprüft, ausgeweitet und gegebenenfalls revidiert werden sollen. Das Strukturmoment der Einverleibung beugt dabei einer teleologischen Theoriegeschichtsschreibung vor, weil es weniger die theoretische Umformung als ihre Blockade in den Blick nimmt.

  • Eine Typologie unterschiedlicher ›Schicksale‹ von Innovationen
    Zu systematisieren sind zudem unterschiedliche Konsequenzen für die einverleibte Innovation. Fälle, in denen ihre Durchschlagskraft in einzelnen, ›tradierungswürdigen‹ Elementen überleben, sind von Fällen zu differenzieren, in denen innovative Elemente lediglich zur Gesundung bestehender Denkweisen funktionalisiert werden, oder solchen, in denen verdaute und trivialisierte Theorieangebote mitunter dennoch ganz neue Ansätze hervorbringen – man denke nur an den so ubiquitär wie selten terminologisch gebrauchten Begriff der ›Dekonstruktion‹.

  • Eine Verhältnisbestimmung von Wissenschafts-, Fach- und Theoriegeschichte
    Theoriegeschichtliche Transformationen lassen sich besonders dort untersuchen, wo Leistungen und Grenzen unterschiedlicher Paradigmen das professionelle Selbstverständnis und den jeweils eigenen Status von Forscher*innen in (inter-)disziplinären Kommunikationszusammenhängen berühren. Ziel des Projekts ist daher auch eine Annäherung an das Verhältnis von Literaturtheorie zu den Geisteswissenschaften im langen 20. Jahrhundert. Ausgehend davon soll der Fokus zudem auf außerwissenschaftliche Kontexte – insbesondere Kunst, gesellschaftliche Öffentlichkeit und Wissenschaftspolitik – ausgeweitet werden.

 

Abb. oben: C. J. Traviès de Villers: Paraphrase des Caractères de La Bruyère.

2021–2023
Leitung: Eva Stubenrauch