Ermächtigung zum Kollektiv. Beschreibungen von Musikkulturen in den Black Sound und Cultural Studies

Musikkulturen eröffnen den Menschen einen Erfahrungsraum, aber wie ist dieser zu verstehen? Seit den 1990er Jahren gibt es ein verstärktes Interesse daran, speziell schwarze Musikkulturen zu beschreiben und zu erklären. Die verschiedenen wissenschaftlichen Ansätze können unter dem Begriff der Black Sound Studies gebündelt werden. Zuvor war bereits im Umfeld der Birmingham Cultural Studies ein intensives Interesse an Musikkulturen entstanden; seit den 1970er Jahren wurde dort primär Rock ’n’ Roll in den jugendlichen Subkulturen der britischen Arbeiterklasse erforscht.

Cultural und Black Sound Studies sind von dem Impetus geprägt, neue Beschreibungsformen für die Musikkulturen marginalisierter Gruppen zu entwickeln. In dem Dissertationsprojekt soll analysiert werden, welche Spannungen in diesen Beschreibungen entstehen, wenn der Erfahrungsraum der Marginalisierten mit seinen Möglichkeiten Gegenstand wissenschaftlicher Analyse wird: Zum einen sollen die Musikkulturen in Relation zu den gewaltvoll-marginalisierenden ›Gesellschaftslogik(en)‹ gesetzt werden, in deren Kontext sie sich ausbilden, da ihre Bedeutung nur vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Problemlagen zu verstehen ist. Zum anderen soll schwarze oder proletarische Musikkultur aber auch als konkreter Raum sichtbar werden, der für die an ihr partizipierenden Menschen spezifische Bedeutung gewinnt. Inwiefern sind die konkreten Praktiken und Erfahrungen als eine Antwort, eine Reaktion auf gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen? Dabei spielt auch die Frage nach Außen- und Innenperspektive eine Rolle: Wie werden die gesellschaftstheoretische Außenperspektive und ihre Begriffe (wie Widerstand, Kritik etc.) ins Verhältnis gesetzt zur Innenperspektive der Erfahrung und deren Vokabular ästhetischer und sinnlicher Kategorien?

Das Projekt untersucht also, wie die Cultural und Black Sound Studies neue Beschreibungsweisen für eine theoretisch zentrale Frage erarbeiten: Wie lässt sich der Gehalt, die Bedeutung einer konkreten (musikkulturellen) Erfahrung in den Rahmen einer Theorie der Gesellschaft einordnen? Dabei ist insbesondere zu berücksichtigen, wie die Cultural Studies und die Black Sound Studies neben einer Einordnung von Musikkulturen in gesellschaftliche Zusammenhänge noch ein weiteres Anliegen verfolgen: die Beschreibung der Eigenlogik einer Musikkultur, die deshalb ›eigen‹ ist, weil sie ihre Wirkung und Bedeutung spezifisch für diejenigen entfaltet, die an ihr teilhaben. Inwiefern lassen sich diese Beschreibungen eines körperlich und kollektiv vollzogenen Umgangs mit der Musik als Theorie dieser Kulturen verstehen? Inwiefern kann die Ermächtigung zu einer anderen Sozialität, zum ›Kollektiv‹, als ein sozialer, das heißt intersubjektiver Prozess beschrieben werden? Wie wird dieser Prozess ins Verhältnis gesetzt zu Paradigmen von kollektiver Reflexivität, (Klassen-)Bewusstsein oder Formationen von Identität? Und welche Rolle spielt dabei der Charakter der Repräsentation, der das intersubjektive Soziale der Musikkultur in der Sozialstruktur verortet?

 

Abb. oben: Körper in Bewegung bei einem Tanzworkshop in Frankfurt am Main, © Christin Picard.