Gesten von Gemeinschaft: Hölderlin bei Benjamin, Landauer und Rosenzweig

Die Auseinandersetzungen von Walter Benjamin, Gustav Landauer und Franz Rosenzweig mit Friedrich Hölderlin – vor allem während der letzten Jahre des Kaiserreichs, zur Zeit der Umbrüche des Ersten Weltkriegs und im volatilen Klima der Weimarer Zeit – enthalten eindrucksvolle Umdeutungen dessen, was mit politischer Gemeinschaft gemeint sein mag. Diese Umdeutungen zehren von einer einzigartigen Verschränkung gesellschaftlicher und geschichtlicher Faktoren.

Hölderlins sogenannte ›vaterländische Wende‹ war schon lange als Ausdruck eines nationalen Bewusstseins gewertet worden, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Brisanz gewann, beispielsweise in den Lobgesängen auf Hölderlin im Kontext des spätwilhelminischen ›Augusterlebnisses‹, etwa durch einige Mitglieder des George-Kreises, oder in der nationalsozialistischen Verherrlichung des Dichters, u.a. durch vulgarisierte Lesarten von Heideggers Seminaren zu Hölderlin aus den 1940er Jahren. Für Benjamin, Landauer und Rosenzweig hingegen stand die Vorstellung von Hölderlin als dem Propheten nationaler Erneuerung in einem spannungsreichen Verhältnis zur Auflösung traditioneller poetischer Formen in seinem Spätwerk. In letzterer deuten sich wiederum neue Formen der Gemeinschaft jenseits konventioneller Vorstellungen von ›Volk‹ und ›Nation‹ an; sei es für den jungen Benjamin, dessen Aufsatz Zwei Gedichte von Friedrich Hölderlin von 1915 seinen Bruch mit der kriegsbegeisterten Jugendbewegung markierte, sei es für den reifen Landauer, der noch während er 1919 in der kurzlebigen Münchener Räterepublik diente, auf Hölderlin Bezug nahm, sei es für Rosenzweig, der unter Berufung auf Hölderlin seine Enttäuschung über die politischen Entwicklungen der Weimarer Zeit kundtat.

Für Benjamin, Landauer und Rosenzweig war Hölderlin – der selbst zu einer Zeit schrieb, als der Begriff ›Germanien‹ neu verhandelt wurde – ein Anlass, um sich mit ihrer eigenen politischen Gegenwart auseinanderzusetzen. Allerdings waren ihre jeweiligen Zugänge durch unterschiedliche, höchst eigenwillige Beziehungen zu einem Judentum geprägt, das durch eine Entfremdung von traditionellen religiösen Praktiken ebenso gefärbt war, wie durch eine tiefe Kenntnis deutscher Kultur um 1800.

Der Anspruch des Projekts besteht darin, anhand der Rezeptionsgeschichte des Dichters Friedrich Hölderlin durch deutsch-jüdische Kommentatoren im ›kurzen‹ 20. Jahrhundert zu überprüfen, welche Rolle der Literatur in der Umdeutung von etablierten Vorstellungen politischer Gemeinschaften zukommt.

Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung 2021–2023