Welt in Weimar. Goethes »Römische Elegien« und die augusteische Dichtung

Mit den Römischen Elegien (1795) greift Johann Wolfgang Goethe erstmals explizit auf eine Gattungstradition, die augusteische Liebeselegie, zurück und lotet aus, was Gattungen, was der Antike, was Rom um 1800 noch zuzumuten ist. Dabei nimmt der Gedichtzyklus den unendlichen Text- und Imaginationsraum Rom für sich ein, und zwar auf neuartige und ›römische‹ Weise. Goethe etabliert ein Schreiben, das nicht wie zuvor auf Übertragung (translatio) oder wetteifernde Nachahmung (aemulatio) angelegt ist, sondern selbstbewusst, spielerisch und souverän auf den grenzenlosen Text-Fundus zurückgreift (captio). Diese Schreib-captio ist in ihrer Imperialität distinkt römisch: Sie greift gezielt Fremdes als Eigenes auf, ist zugleich unendlich integrativ. Als aufnahmefähige und polyvalente Gattung eignet sich die Elegie für dieses römische Schreibprojekt optimal. Die Römischen Elegien sind in ihrer Transformation der Antike kein Beispiel für die Monumentalisierung der Tradition, sondern für lebendige Metamorphose (Ovid). Im erneuernden Verfügen über antike und moderne Textschichten – in dieser renovatio Roms liegt ein Gründungsmoment der weltweiten Autorität Goethes.

Die Dissertation beschäftigt sich mit den kulturpolitischen Setzungen des augusteischen Roms, die mit der Evokation eines ›Goldenen Zeitalters‹ für die europäischen Klassiken der Neuzeit ungemein prägend waren. Dass die deutschen Diskussionen um 1800 sich weniger an der römischen Tradition ausrichteten, nicht wenige Theoretiker eine ›griechisch-deutsche Wahlverwandtschaft‹ annahmen, galt einige Zeit als Sonderweg der deutschen Antikendiskussion. Anhand des ersten Stückes der Horen erweist sich Goethes Schreibprojekt nach der Italienreise jedoch nicht als griechisch, sondern römisch. Ein zentrales Anliegen der Arbeit ist es, den römisch-imperialen Narrativen, die sich in Goethes Elegien fortschreiben, nachzugehen, etwa einer der Gründungsgeschichten Roms, der Vergewaltigung der vestalischen Priesterin Rhea Silvia durch Mars. Zudem wird Goethes Mythenarbeit erhellt, die an Karl Philipp Moritz’ »Sprache der Phantasie« orientiert ist. Mythos ist Goethe Material zur poetischen Produktion, keine unveränderliche Urgeschichte. Goethe versteht den Mythos als »Spielraum« (Moritz), der kontrolliert ausgestaltet wird und das Fortleben von Dichtung und Dichter garantiert. Die mit dem transformatorischen und ironischen Mythenumgang entstehende urbanitas berührt sich mit der beginnenden Diskussion um »Weltliteratur« Ende des 18. Jahrhunderts. Zuletzt diskutiert die Dissertation Goethes Arbeit an der eigenen Autorfigur, hinterfragt die theoretischen Überlegungen zum »literarischen Feld« (Bourdieu) und bringt Arendts Überlegungen zur Autorität mit Augustus’ Verständnis von auctoritas und translatio zusammen. Goethe als ›Weltautor‹ ist nicht ohne ›römische Wahlverwandtschaft‹ zu denken.

ZfL-Promotionsstipendium 2017–2019
Leitung: Jakob Gehlen

Publikationen

»Zwischen Ergreifen und Berühren. Die Rom-Ankunft des Ich in Goethes ›Römischen Elegien‹«, in: Andrea Erwig/Sandra Fluhrer (Hg.): Komparatistik online (2019). Themenheft: Berühren. Relationen des Taktilen in Literatur, Philosophie und Theater, 124–146

Veranstaltungen

Vortrag
12.06.2019 · 12.15 Uhr

Jakob Gehlen: Gleicht Goethe Herkules? Mythos und Werkstatt in den »Römischen Elegien«

Jugend- und Kulturzentrum »mon ami«, Goetheplatz 11, 99423 Weimar

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Vortrag
20.06.2018 · 18.00 Uhr

Jakob Gehlen: Augustus' Rom als Caput Mundi (Vergil, Horaz, Ovid). Rekonstruktion einer Idee

Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10117 Berlin, Raum 3053

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Vortrag
12.04.2018 · 18.30 Uhr

Jakob Gehlen/Jakob Arnold: Status der Berührung. Theaterpraxis auf und neben der Bühne

Experimentiertheater der FAU Erlangen-Nürnberg, Bismarckstraße 1, 91054 Erlangen

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