Moskau – Berlin – Paris: Walter Benjamins »Neue Optik«

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre bewohnte und bereiste Walter Benjamin verschiedene kulturelle und politische Zentren Europas: Berlin, Moskau und Paris. Nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion 1927 deklarierte er seinen Ertrag als »Neue Optik«, eine Art umgekehrter oder doppelter Perspektive auf Westeuropa. Benjamin erprobte darin Methode, Strategien und Stil einer interkulturellen Kritik. Diese formiert sich einerseits in thematischem Bezug auf Phänomene des Kultur- und Wissenstransfers und andererseits durch eine methodische Situierung zwischen kulturellen Praktiken aus deren fortlaufender Wechselbeleuchtung heraus. Es handelt sich also um eine Kritik von (national lokalisierten) Kulturen von Kritik. Benjamin beobachtete, untersuchte und kritisierte Schreibformen, Medien, Institutionen sowie individuelle Akteure interkultureller Vermittlungsprozesse zwischen dem sowjetischen, deutschen und französischen Raum: Propagandakarten, französische Reiseberichte über die Sowjetunion, Verlags- und Übersetzungsprogramme, Freundschaftsvereine, akademischen Wissenstransfer und nationale Literaturgeschichten, Filmrezensionen, feuilletonistische Landschaften und (nationale) Feldbestimmungen von Intellektuellen.

Grundlage des Dissertationsprojekts sind Benjamins kulturpolitische Artikel, Rezensionen, Städtebilder, Notizen und Tagebücher. Benjamin soll dabei weniger als interkultureller Vermittler, sondern vielmehr als Kritiker von interkulturellen Vermittlungsprozessen untersucht werden. Die methodisch-politische Positionierung seiner interkulturellen Kritik oder transnationalen Optik wird zum Fallbeispiel dafür, wie die Politisierung der Intellektuellen und intellektueller Positionen der Zeit verflochten war mit Neuaushandlungen von kulturellen, politischen, sozialen sowie institutionellen Praktiken und Imaginationen eines europäischen Raumes. Zu klären ist, wie für Benjamin dabei Interkulturalität, politische Dimensionen oder Kulturen von Kritik sowie Imaginationen des Europäischen zusammenwirken und, ausgehend von den Spuren seiner Moskauer Erfahrungen in seiner Surrealismus-Kritik, zum Grund seiner kulturtheoretischen und geschichtsphilosophischen Theoriebildung in den 1930er Jahren werden.

 

Abb. oben: Ausschnitt aus der Karte »Der Oktobersieg und seine Bedeutung für die Welt« [Победа октября и его мировое значение], Moskva: Gosudarstvennoe izdatel’stvo, Otdel voennoj literatury, 1928.
Quelle: Library of Congress, Geography and Map Division, https://www.loc.gov/item/2016585552/.

Oxford-Stipendium 2021–2022
Leitung: Sophia Buck

Veranstaltungen

Vortrag
12.11.2021

Sophia Buck: Moskau – Berlin – Paris: Walter Benjamin als Kritiker interkultureller Vermittlungsprozesse

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Haus der Universität, Schadowplatz 14, 40212 Düsseldorf

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