Populäres Wissen im Medienwandel: Verbreitung naturwissenschaftlichen Wissens im nichtfiktionalen Film 1920-1950

Seit Bestehen des Films existieren Bestrebungen, kinematografische Darstellungen für die Darstellung und Verbreitung von Forschungsergebnissen einzusetzen. Bevorzugtes Filmgenre der Wissenspopularisierung sind sogenannte Lehrfilme, die seit Ende des Ersten Weltkrieges vor allem für das Unterrichts- und Volksbildungswesen produziert werden, sowie abendfüllende "Kulturfilme", die ein breites Kinopublikum erreichen wollen. Das Themenspektrum umfasst Medizin, Botanik, Zoologie, Völkerkunde, Geographie, Geschichte, Pädagogik und Technik. Neben der 1918 gegründeten Kulturfilm-Abteilung der Ufa, die auf dem Gebiet des Lehrfilms marktführend bleibt, formieren sich konkurrierende Unternehmungen wie die Lehrfilm-Abteilung der Deulig-GmbH, die Emelka-Kulturfilm in München oder das Institut für Kulturforschung in Berlin. Bereits um 1920 kommen einige hundert Unterrichtsfilme in Umlauf; zehn Jahre später sind es mehrere Tausend.

Überliefert ist nur ein geringer Teil der Filme. Doch was in Archiven verstreut vorhanden ist, dokumentiert eine erstaunliche Vielfalt in thematischer, filmtechnischer und künstlerischer Hinsicht. Entsprechend des jeweiligen Bildungsauftrages, der sozialen Struktur des Publikums und der künstlerischen oder wissenschaftlichen Ambitionen der Regisseure variieren die Präsentationsformen. So gibt es Filme mit Spielhandlungen und solche, die einen hohen dokumentarischen Anspruch verfolgen. Diese integrieren eine Reihe von Darstellungsmitteln, die zur Beweisführung dienen und Authentizität steigern sollen. Neben Fiktionalisierungs- und Erzählstrategien ergänzen spezifische Visualisierungstechniken das Repertoire. Durch Einsatz von Vergrößerungen, Zeitraffer oder Rücklauf werden dem Auge bisher unzugängliche visuelle Eindrücke ermöglicht. Wichtige Funktionen übernehmen animierte Karten. Sie veranschaulichen geographische und historische Informationen, unterstützen die Gedächtnisleistung und lenken aufgrund ihrer Abstraktionsleistung die Urteilsbildung. Mittels Tricktechnik können sie Veränderungen wiedergeben, Ereignisse emotionalisieren und dynamisieren.

Das Projekt widmet sich diesem brisanten, aber erst in Anfängen erforschten Kapitel der Filmgeschichte. Im Zentrum steht die Untersuchung der Verbreitungsmechanismen naturwissenschaftlichen Wissens im nichtfiktionalen deutschen Film zwischen 1920 und 1950. Ausgangspunkt ist die These, dass die Erfindung des Films und sein Einsatz als Medium der Wissenspopularisierung die Produktions-, Vermittlungs- und Rezeptionsbedingungen von naturwissenschaftlichem Wissen nachhaltig veränderten. Im Rahmen des Projektes werden (1) die diskursiven, institutionellen und medientechnischen Voraussetzungen für die Herausbildung und Entwicklung des 'populärwissenschaftlichen' Filmgenres um 1920 rekonstruiert, (2) am Beispiel ausgewählter Filme zu Wissensbereichen der Geographie und Zoologie die spezifischen Strategien und Formen der Wissenspräsentation analysiert und (3) nach Konsequenzen der filmischen Verbreitung naturwissenschaftlicher Wissensbestände für die wissenschaftliche Darstellungspraxis und für die öffentliche Wahrnehmung naturwissenschaftlicher Ergebnisse gefragt.

Zugrunde liegt ein Popularisierungsbegriff, der (entgegen hierarchisierender Beschreibungsmodelle) Wissenschaftler, Vermittler und Öffentlichkeit als Akteure einer wechselseitigen Kommunikation betrachtet, die eigene Wissenstransformationen und -entwürfe hervorbringt. Ziel des Projektes ist es, Veränderungen der Popularisierungsmechanismen unter sich wandelnden medialen bzw. medientechnischen Bedingungen zu beschreiben und zu erklären.

Folgende Fragen stehen dabei im Zentrum: Unter welchen wissens- und technikgeschichtlichen Bedingungen werden bestimmte Medien für die Vermittlung von Wissensbeständen interessant? Welche Aushandlungs- und Transformationsprozesse liegen der Verbreitung populären Wissens im Film zugrunde? Welche Darstellungsstrategien von Wissen lassen sich im nichtfiktionalen Film feststellen und welche Funktionen übernehmen sie? Wie wirkt sich Medienkonkurrenz auf Popularisierungsstrategien aus? Auf welche Weise realisiert der Film die Synthese unterschiedlicher Medien und welchen Einfluss nehmen diese Hybridbildungen auf die Spezifik des "Wissens"? Auf der Grundlage umfassender materialer Recherchen und medientheoretischer Reflexionen thematisiert das Projekt also einen Austauschprozess, in dem zum einen das Massenmedium Film die Rezeptionsformen von Wissen durch eine breite Öffentlichkeit steuert, zum anderen die filmische Präsentation wissenschaftliche Darstellungspraktiken modifiziert und Kommunikation über Wissen grundlegend verändert.

gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2006–2007
Leitung: Dorit Müller

Publikationen

"Gegen die Überwucherung des abstrakten Denkens": Wissen und Unterhaltung im Kulturfilm der 1920er Jahre. In: Zeitschrift für Germanistik, H.1, 2005, S. 76-95.

Wissenschaft und Kultur im Film: Das Institut für Kulturforschung in der Jägerstraße 17. In: Wolfgang Kreher/Ulrike Vedder (Hg.): Von der Jägerstraße zum Gendarmenmarkt. Eine Kulturgeschichte aus der Berliner Friedrichstadt. Berlin 2006, S. 153-154.

Kartographische Visualisierungstechniken im "geographischen Laufbild". In: Sabine Tzschaschel, Holger Wild, Sebastian Lenz (Hg.): Visualisierung des Raumes. Karten machen – die Macht der Karten. Leipzig 2007, S. 273-287.

Funktionen des Narrativen im populärwissenschaftlichen Film der 1920er Jahre. Erscheint in: Corinna Müller (Hg.): Mediale Ordnungen: Erzählen, Archivieren, Beschreiben. Marburg: 2007.

Präsentationsformen von Wissen im Lehr- und Kulturfilm der Weimarer Republik. Erscheint in: Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen. 2 (2007), H.2.

Inszenierungen des Wissenschaftlers im Film der 1920er Jahre. Erscheint in: Knut Hickethier (Hg.): Die schönen und nützlichen Künste. Literatur, Technik und Medien seit der Aufklärung. München 2007.

Veranstaltungen

Konferenz
23.11.2007 – 24.11.2007 · 01.00 Uhr

Wissenspopularisierung im medialen Wandel seit 1850

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum 308

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