SchädelBasisWissen. Kulturelle Implikationen der plastischen Chirurgie des Schädels

Ausgangspunkt des Projekts war die Diskrepanz zwischen den technisch avancierten Operationsverfahren in der plastischen Chirurgie und der vagen Begrifflichkeit in der wertenden, den Eingriff motivierenden Beschreibung ihrer ›Objekte‹. Untersucht wurde die kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Herkunft der impliziten kulturellen Norm- und Idealvorstellungen zum körperlichen Erscheinungsbild (und dessen Funktion als Indikator der Persönlichkeit), wie sie gegenwärtig im medizinischen Diskurs, in visuellen Darstellungen und in der medizinischen Praxis und Therapie zum Tragen kommen. Im Zentrum stand dabei der menschliche Schädel als Körperteil, das für Selbst- und Fremdwahrnehmung von zentraler Bedeutung ist.

Das Vorhaben antwortete auf den Bedarf einer spezialisierten chirurgischen Praxis (Korrektur von Schädelfehlbildungen an Säuglingsköpfen/Craniosynostosen an der Charité), kulturelle Voraussetzungen und Kontexte in Praxis und Therapie einzubeziehen. Ziel des Projekts war es, die Voraussetzungen zu erarbeiten, die eine durch Wissen gestützte, reflektierte und patientenorientierte Arbeitsweise ermöglichen.

Im historischen Teil wurde die Genese der Vorstellung von einem ›wohlgeformten‹ (Kinder-)Schädel erforscht, die aus der Wechselbeziehung zwischen medizinischem Wissen, Künsten und kultureller Semantik hervorgegangen ist. Der aktuelle Teil organisierte einen Austausch mit Ärzten und Patienten.

Gegenstand der drei Projektteile waren

  1. Texte (Lehrbücher und Fachartikel aus dem Gebiet der plastischen Chirurgie),
  2. Visualisierungen und Modelle als Normalitätsinstanz (Proportionsstudien für Künstler, Anatomie-Lehrbücher, medizinische Fotos, bildgebende Verfahren, therapievorbereitende Datenbanken),
  3. Praxis und Therapie (beobachtende Begleitung einzelner Fälle, Patienteninterviews).
gefördert durch die VolkswagenStiftung, »Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften« 2011–2015
Leitung: Sigrid Weigel, Ernst-Johannes Haberl, Beratung: Michael Hagner, Wissenschaftliche Koordination: Uta Kornmeier (ZfL)
Kooperation: Forschungskooperation des ZfL mit der Pädiatrischen Neurochirurgie der Charité – Universitätsmedizin Berlin
Gäste: Martin Kemp, Nichola Rumsey, Eva Wandeler

Teilprojekte

Texte: Rhetorik und kulturelle Semantik des SchädelWissens in der Medizin

Bearbeitung: Simon Strick

Fokussierend auf die Genealogie und den zeitgenössischen Diskurs zum Phänomen der Craniosynostose, vermisst das Teilprojekt das diskursive Feld des »missgebildeten« Schädels. Seit der Entdeckung des vorzeitigen Verschlusses der Schädelnähte durch Virchow (ca. 1860), und der Etablierung routinisierter Behandlungsmethoden für Craniosynostose vor ca. 40 Jahren, hat sich das Vokabular zur Beschreibung von pathologischen Schädelformen stark verändert. Durch qualitative und rhetorische Analysen medizinischer Fachtexte, untersucht das Projekt die semantischen Felder, welche das Schädelwissen in diesem Zeitraum charakterisieren. Dabei stehen die kulturellen und historischen Konnotationen der medizinischen Sprache (z.B. »Missbildung«, »Deformität«) im Zentrum der Analyse, sowie die zugrunde liegenden kulturellen Vorannahmen, die Unterscheidungen zwischen »abweichenden« und »normalen« Schädelformen mitprägen und ermöglichen.

Visualisierungen: Schädelbilder in Kunst, Medizin und Statistik

Bearbeitung: Uta Kornmeier

Alle medizinischen Fachpublikationen arbeiten mit Visualisierungen (seien dies Zeichnungen, Fotografien, Diagramme oder durch bildgebende Verfahren generierte Bilder oder Modelle), die – wie Bild- und Medienwissenschaft gezeigt haben – keineswegs vorhandenes Wissen ›illustrieren‹, sondern an der Generierung von Wissen maßgeblich beteiligt sind.

Das Teilprojekt untersucht die spezifischen Rhetoriken dieser Abbildungen an aktuellen und historischen Beispielen im Umfeld der Craniosynostosen und arbeitet die Wechselwirkungen zwischen Bild und Text heraus.

Medizinische Praktiken: Arzt-Angehörigen-Interaktion

Bearbeitung: Birgit Griesecke

Diagnosen und Operationen von Craniosynostosen betreffen die Eigen- und Fremdwahrnehmung des menschlichen Individuums. Welche Erwartungen, Fragen, Zweifel und Hoffungen, welche Entscheidungswege und Verständigungsmuster kommen dort zur Geltung, wo gesellschaftliche Erwartungen, kulturelle Bedeutungsmuster und die Möglichkeiten avancierter Chirurgie aufeinandertreffen? Gespräche zwischen Ärzten und Patienten (bzw. deren nächsten Angehörigen), Äußerungen und Darstellungen in Foren, Blogs und Webpages, Informationsbroschüren, Ratgeberliteratur, fachliche und alltagspraktische Einlassungen können hierüber Aufschluss geben. Mittels semantischer Untersuchungen (Sprachspiel- und Sprechaktanalysen, Phrasemforschung) wird in diesem Teilprojekt der kulturelle Bedeutungsraum ausgelotet, in dem die Craniosynostosen verhandelt und behandelt werden: Wie kommen Einschätzungen von Form und Deformation explizit und implizit zur Sprache? Mit welchen sprachlichen Mitteln und argumentativen Einsätzen verläuft die Entscheidungsfindung für oder gegen eine Operation? Wie wird die zeitliche Dimension der Craniosynostose-Problematik (vorausgreifende Simulationen des wachsenden Schädels und zukünftiger Erfahrungen im sozialen Raum; konjunktivische Selbstverständigungen, rückblickende biographische Erzählungen) in Sprache gefasst?

Kulturgeschichtliche Untersuchungen zu Wechselwirkungen zwischen Kunst und plastischer Chirurgie

Dissertationsprojekt
Bearbeitung: Li Anna Töppe

Das Dissertationsprojekt untersucht Wechselbeziehungen zwischen Kunst und plastischer Chirurgie, wobei Fokus der Betrachtung die Suche nach Form und ihre Erzeugung in beiden Disziplinen darstellt.
Das Projekt will sich ihren Bestimmungen nähern, indem es das jeweils spezifische Verständnis vom Materialgebrauch sowie die Entwicklung und Umsetzung von Techniken in beiden Disziplinen Ende des 19. und im Verlauf des 20. Jahrhunderts erforscht. Auffassungen von Bewegung und Bewegungslosigkeit sowie von Körperformen werden mit einbezogen, um die Prozesse und Ergebnisse der »Produktionen« von Formen zu verstehen.

Publikationen

Birgit Griesecke, Ernst-Johannes Haberl, Uta Kornmeier, Simon Strick, Sigrid Weigel

Schädel Basis Wissen I
Kultur und Geschichte der chirurgischen Korrektur der Schädelform

Kulturverlag Kadmos, Berlin 2017, 288 Seiten
ISBN 978-3-86599-361-8
Uta Kornmeier (Hg.)

Schädel Basis Wissen II
Texte zur Wissensgeschichte eines Knochens

Kulturverlag Kadmos, Berlin 2017, 398 Seiten
ISBN 978-3-86599-362-5

Veranstaltungen

Vortrag
28.05.2018 · 18.00 Uhr

Uta Kornmeier/Stefan Zachow: Von Angesicht zu Algorithmus. Digitale Repräsentationen von Gesicht und Schädel

Universität zu Köln, Albertus-Magnus-Platz, 50923 Köln, Neuer Senatssaal

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Panel auf der Annual Conference of the German Studies Association
21.09.2014 · 12.30 Uhr

Medical Self-Fashioning. Twentieth and Twenty-first Century Case Studies at the Intersection of Medicine, Public Discourse, and Literature

Kansas City, Missouri Westin Kansas City at Crown Center, Penn Valley Room

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Interventionsausstellung
11.09.2014 – 11.01.2015 · 19.00 Uhr

Kopfarbeit. Videoperformances von Eva Wandeler

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, Charitéplatz 1, 10117 Berlin

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Workshop
12.07.2014 · 10.00 Uhr

Der Möglichkeitsraum des Digitalen in der Chirurgie

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum 308

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Workshop
15.05.2014 – 16.05.2014

Begriffswelten der Schädelchirurgie. Zur kulturellen Semantik von Craniosynostosen

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum 308

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Vortrag
29.04.2014 · 17.30 Uhr

Uta Kornmeier/Simon Strick: Anatomie und Ästhetik. Der Schädel als Objekt formgebender Chirurgie

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, Charitéplatz 1, 10117 Berlin, Hörsaalruine

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Vortrag im Rahmen der Ausstellung »Bin ich schön?«
14.01.2014 · 18.30 Uhr

Simon Strick: Digitale Schönheit. Avatare, Geschlechtsideale und das ›Uncanny Valley‹

Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin-Mitte

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Vortrag
07.11.2013 · 13.30 Uhr

Uta Kornmeier: Visualising the skull - what is normal?

Oxford University Museum of Natural History and Pitt Rivers Museum

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Vortrag im Rahmen der Ausstellung »Bin ich schön?«
15.10.2013 · 18.30 Uhr

Uta Kornmeier: Schöne Effekte! Zwischen Heiligenschein und Stigma

Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin-Mitte

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Vortrag
14.06.2013 · 09.00 Uhr

Ernst-Johannes Haberl/Uta Kornmeier: Schädelform als Wert. Chirurgische Korrektur von Schädelformen

Universität Freiburg, Platz der Universität, 79098 Freiburg, Aula, KG I

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Jahrestagung des ZfL/Annual Conference of ZfL
08.11.2012 – 10.11.2012 · 16.00 Uhr

Culture Meets Surgery. Images, Models, and Interpretations of the Human Skull

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum 308

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Medienecho

25.02.2019
Interdisziplinäre Kopfarbeit. Schädel-Deformationen bei Neugeborenen

Neu zusammengesetzt: Ein Projekt zu Schädelformen verbindet Kulturwissenschaft mit klinischer Praxis. Es berührt heikle historische und chirurgische Fragen. Artikel von Astrid Herbold, in: Tagesspiegel vom 25.02.2019