Schematismus: Poetiken auf dem Weg zu Kant, 1760–1790

Im Wintersemester 2020/21 beschäftige ich mich mit der Überarbeitung meiner Dissertation Schematismus: Poetiken auf dem Weg zu Kant, 1760–1790. Darin entwickele ich eine interdisziplinäre Genealogie der Schematismus-Theorie Immanuel Kants, indem ich ihre Entstehung aus literarischen und künstlerischen Bewegungspraktiken seiner Zeit nachzeichne. Dafür wird zunächst die epistemologische Frage rekonstruiert, die Kant mit der Schematismus-Theorie in der Kritik der reinen Vernunft (1781) beantwortet. Anschließend richtet sich der Fokus auf den Charakter dieser Antwort und ihr erneutes Auftauchen als Darstellungslehre in der Kritik der Urteilskraft (1790). Die Entstehung dieser Lehre wird durch eine Untersuchung systematischer Entsprechungen zwischen Kants Theorie und drei Umdeutungen des Status von Bewegung und Form in der Literatur, Kunst und Ästhetik des späten 18. Jahrhunderts veranschaulicht: in der Umgestaltung von Ballett als Pantomime in J.-G. Noverres Lettres sur la dance (1760), der Ausdrucksfunktion des Metrums bei Klopstock (1764–79) und der Aufwertung der ästhetischen Rezeption in Lessings Laokoon (1766). Dadurch wird eine unerwartete Herkunft von Kants Theorie sichtbar. Denn diese zeichnet sich durch eine Ersetzung der Repräsentationsfunktion der Künste durch eine Verwirklichungsfunktion aus, wodurch sich ein Verständnis von Kunst und Literatur als wirklichkeitskonstituierenden Formen eröffnet.

 

Abb. oben: Versmaß von Klopstocks Ode »Der Eislauf«, in: Friedrich Gottlieb Klopstock: Sämmtliche Werke, Bd. 1, Leipzig: Göschen 1823, S. 186

Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) 2020–2021
Leitung: Susan Morrow