Erinnerungsarbeiten – Neueinsätze – Werkinszenierungen. Entwürfe und Fallstudien zu einer Theorie literarischer Spätwerke

Als 'Spätwerk' bezeichnet man gemeinhin den gegen Ende der Schaffensperiode eines Künstlers entstandenen Teil seines Gesamtwerks - oder ein bestimmtes Werk aus dieser Periode. In einem anderen Sinne meinen 'Spätwerke' die gegen Ende einer Epoche entstandenen Werke, die in der Regel von unterschiedlichen Künstlern stammen und gegebenenfalls einen gemeinsamen Spätstil ausbilden. Als Begriff taucht das Wort 'Spätwerk' erst am Ende des 19. Jahrhunderts auf, und erst im 20. Jahrhundert wird der Begriff diskursbestimmend, allerdings oft in einem stark restriktiven Sinne, meistens verstanden als 'Alterswerk'. Mit der Kritik am klassischen Werkbegriff wie auch an den Bezugsgrößen 'Autor' und 'Epoche' ist der Begriff etwas in Verruf geraten, allerdings auch deshalb, weil seine Geschichte nie wirklich aufgearbeitet worden ist.

Das Projekt "Erinnerungsarbeiten - Neueinsätze - Werkinszenierungen. Entwürfe und Fallstudien zu einer Theorie literarischer Spätwerke" setzt hier kritisch an, indem es einen Beitrag zur Aufarbeitung dieser weitgehend in Vergessenheit geratenen Begriffs- und Methodengeschichte leisten möchte. Das Ziel dieser Aufarbeitung ist jedoch nicht rückwärtsgewandt. Im Vordergrund steht vielmehr der über die historische Rückvergewisserung möglichst scharf profilierte Versuch einer theoretischen Weiterarbeit an einem heuristisch, nicht substantialistisch verstandenen Spätwerk-Begriff. Mit diesem heuristisch verstandenen Spätwerk-Begriff soll es insbesondere möglich werden, diejenigen temporalen und konzeptuellen Spannungen von literarischen Arbeiten genauer zu beschreiben und zu analysieren, die sich - als Spätwerke - von ihren Vorgänger-Werken in der Weise absetzen, daß die Absatzbewegung zugleich den Einsatzpunkt ihrer jeweiligen poetologischen Stoßrichtung in einem jeweils spezifischen kulturellen und historischen Kontext bildet. Auch wenn sich das Projekt dabei auf auktoriale und nicht auf epochale Spätwerke konzentriert, soll das, was an einem Spätwerk als 'spät' gelten können soll, nicht einfach in Abhängigkeit vom Alter des Autors bestimmt werden, sondern primär aus der Veränderungsqualität, die jeweils durch die erwähnte Absatzbewegung motiviert wird.

gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) 2007
Leitung: Sandro Zanetti