Kompostierungen. Stoffkreisläufe und Wiederverwertbarkeit in Biologie, Literatur und Technologie

Der Kompost hat sowohl in Gärten und Parklandschaften als auch in der Agrarwirtschaft seinen festen Platz. Meist abseits von kultivierten Flächen und außerhalb des Blickfeldes positioniert, setzt er sich aus verschiedenen organischen Materialien zusammen. In der Biologie wird unter dem Verfahren der Kompostierung eine Wiedereingliederung von organischen Materialien in einen (lokalen) Nährstoffkreislauf verstanden.

Auseinandersetzungen mit dem Kompost sowie der Kompostierung finden sich bereits in Aristoteles’ Humustheorie und – vor dem Hintergrund einer auf Ertragsreichtum ausgerichteten Landwirtschaft – in den ökonomischen Lehren des 19. Jahrhunderts. Angesichts der zunehmenden Ausbeutung von Energieressourcen und irreversibler Umweltveränderungen gewinnt das Verfahren der Kompostierung aktuell an Bedeutung. So wird die Kompostierung nicht nur als private Haushalts- und Bewirtschaftungsroutine neu entdeckt, mit der sich der Mensch wieder in ein Gleichgewichtsverhältnis zur Natur setzt. Auch das für den Kompost wesentliche organische Schichtmodell sowie seine Eigenzeitlichkeit haben wieder Eingang in literarische und wissenschaftstheoretische Diskurse über das Lebendige gefunden. Insbesondere im Neuen Materialismus konvergiert der Rekurs auf den Kompost als stofflich-materielle Utopie mit einem Nachdenken über Differenz, Diversität und Relationalität.

Ausgehend von diesen Beobachtungen widmet sich das Projekt einer Kultur- und Wissensgeschichte des Komposts und der Kompostierung in Biologie, Literatur, Wissenschaftstheorie und Technologie. Das Projekt schlägt dazu zwei Perspektiven vor, um Ursprünge, Voraussetzungen und Transformationen des Komposts und der Kompostierung sichtbar zu machen:

Das Projekt zeichnet Konjunkturen des Komposts in exemplarischen nicht-fiktionalen Gebrauchstexten über Landschaftsanbau und Gartenkunde seit dem 19. Jahrhundert nach. Nachvollzogen werden soll der Wandel der Kompostierung von einer auf Wachstum ausgerichteten Praktik, die Bestandteil einer politischen Ökonomie ist, hin zu einer individuellen Tätigkeit, die angesichts aktueller Degrowth- und Anthropozändebatten einer ethischen Haltung Ausdruck verleiht. Parallel untersucht das Projekt literarische Texte, in denen der Stoffkreislauf als Motiv oder Narrativ verhandelt wird. Dazu zählen nicht nur die Prosaerzählungen des deutschen Realismus (Auerbach, Raabe, Storm), sondern auch die Literatur der Weimarer Republik und des Dritten Reiches (Tucholsky, Jünger, Sander).

Eine weitere Perspektive beschreibt Kompost und Kompostierung vor dem Hintergrund des Spannungsgefüges von stofflicher Materialität und formal-abstrakter Immaterialität in Wissenschaftstheorie und Technologie. Beleuchtet werden sollen die diskursive Beschaffenheit des Komposts sowohl im Neuen Materialismus und im kritischen Posthumanismus (Haraway, Barad, Puig de la Bellacasa), als auch in Beschreibungen von sozio-technischen Infrastrukturen. Von Interesse ist hier nicht nur der biologisch geprägte Begriffsapparat (z.B. ›Softwareökosysteme‹), sondern insbesondere das Verhältnis des Komposts zu den verwandten Metaphern von Netz, Graph und Cloud. Am Beispiel jüngerer Ansätze der Critical Infrastructure Studies sowie des Digitalen Materialismus in den Digital Humanities diskutiert das Projekt Modelle der Zirkulation von Daten, Algorithmen und Software. Daran knüpft sich auch ein Nachdenken über das Selbstverständnis der Digital Humanities an. So lässt sich mit der Frage nach der (Wieder-)Verwertbarkeit eine kritische Deutungsperspektive auf die Wissenskultur der Digital Humanities gewinnen, die unter anderem das Verhältnis zu Data Science und den Lebenswissenschaften adressiert.

seit 2020
Leitung: Rabea Kleymann

Publikationen

Rabea Kleymann

Veranstaltungen

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16.09.2021 · 09.00 Uhr

Rabea Kleymann und Jan Horstmann: Hacker*innenangriff auf Goethe? Experimente mit Goethetexten und Annotationsdaten von Entsagung und Ironie

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Vortrag
23.03.2021 · 14.00 Uhr

Rabea Kleymann: Entangled Methods. Diffractive Approaches for the Digital Humanities

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Workshop auf der vDHd 2021
23.03.2021 · 09.00 Uhr

Glossar der Begriffe: Ein kollaboratives Schreibexperiment der AG Digital Humanities Theorie

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Barcamp
11.11.2020 · 14.00 Uhr

Von Knoten und Kanten zu Gedanken: Theoretische Reflexionen zu Graphentechnologien

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Impulsvortrag
08.10.2020 · 18.00 Uhr

Rabea Kleymann: »Theorytellings«. Wissenschaftsnarrative in den Digital Humanities – Eine Einführung

Bibliotheca Albertina, Beethovenstraße 6, 04107 Leipzig

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Beiträge

20.08.2020 Audio
RaDiHum20 spricht mit der AG Digital Humanities Theorie
Podcast mit Rabea Kleymann
© RaDiHum20