Wilde Referenzen. Eine Theorie- und Literaturgeschichte ethnographischer Strömungen

Das Dissertationsprojekt untersucht den historischen Wandel von Realitätsbegriffen sowie die formalen Stilistiken der Realitätsevokation in der Ethnographie. Im Anschluss an den Topos der Referenz in der Zeichentheorie wird dabei zunächst eine Theorie des ethnographischen Realitätsverweises entworfen. Die ›Krise der ethnographischen Repräsentation‹ der 1980er Jahre und sich anschließende Forschungsansätze werden so vor dem Hintergrund einer übergeordneten zeichentheoretischen Problemstellung lesbar. Die Änderungen der Repräsentationspraktiken im ethnographischen Genre stehen insbesondere im Verhältnis zu ihren sich wandelnden epistemischen Voraussetzungen. Gleichzeitig schlagen sich text- und sprachtheoretische Transfers in konkreten ethnographischen Schreibpraktiken nieder. Das Reale der Ethnographie konstituiert sich dementsprechend in der Textgestalt in Abhängigkeit von theoriegeschichtlichen Entwicklungen. Der zweite Teil der Arbeit untersucht diesen Zusammenhang zwischen theoriegeschichtlicher Verflechtung und stilistischer Innovation in einer Folge von konkreten historischen Beispielen. Diese umfassen die Dichte Beschreibung (Geertz), die Dialogische Anthropologie (Capranzano, Dwyer et al.), die Ethnographie des Partikulären (Abu-Lughod) sowie jüngste Entwicklungen der Zuwendung von Ethnograph*innen zur Phänomenologie (Sara Ahmed, Michael Jackson) und fiktionalisierten Ethnographien (Latour, Russel Hochschild et al.).

ZfL-Promotionsstipendium 2020–2022
Leitung: Andreas Lipowsky