Symbiotische Leben: Theorien und Praktiken der Koexistenz bei Lynn Margulis und Donna Haraway

Die Erforschung von Symbiosen, der dauerhaften Verbindung ungleicher Organismen, hat in den Lebenswissenschaften mit dem Aufkommen neuer Sequenzierungstechnologien in den letzten zwei Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Sie ermöglichen Biolog*innen, die komplexen Koexistenzen und Verflechtungen von Mikroorganismen untereinander sowie mit Pflanzen, Tieren und Pilzen nachzuvollziehen. Da biologisches Wissen für das westliche Verständnis von Realität, Leben und Selbst von zentraler Bedeutung ist, ist es nicht verwunderlich, dass diese tiefgreifende Infragestellung grundlegender Annahmen der Disziplin auch in einer breiteren Öffentlichkeit hohe Wellen geschlagen hat. Vor allem Wissenschafts- und Kunstausstellungen haben symbiotisches Wissen aufgegriffen.

Dabei bilden der Klimawandel und das Anthropozän stets die Folie, vor der die Koexistenz eine neue Dringlichkeit erhält, da sie über den romantischen Gedanken der Naturverbundenheit hinausgeht und stattdessen Fragen des Überlebens der Menschheit und der Biosphäre, wie wir sie kennen und brauchen, ins Zentrum rückt. Die neueren Forschungserkenntnisse zur Symbiose werden in diesem Zusammenhang zum Beweis für eine Naturauffassung ins Feld geführt, die das Leben als einen prinzipiell kooperativen Prozess versteht und beschreibt. Dass die Natur auf der Mikroebene offenbar viel wohlwollender und kooperativer sein könnte als vordem angenommen, macht somit auch ein neues politisches und ontologisches Verständnis der Symbiose und eine Neubewertung der Menschengattung als Teil des lebendigen Planeten möglich.

Zu den wichtigsten Stichwortgeberinnen für diese politische Auslegung der Symbiose gehören Lynn Margulis und Donna Haraway. Beide Autorinnen haben im Laufe ihres Schaffens die Symbiose zur ›materiell-semiotischen‹ Denkfigur erhoben, mit der sich nicht nur biologische Prozesse, sondern auch Hochschulpolitik, Kapitalismus und Klimakrise beschreiben lassen. Mit anderen Worten, die Symbiose ist bei Margulis und Haraway immer schon mehr als ein wissenschaftlicher Begriff; sie funktioniert als ontologische Kategorie, mit der sich vorherrschende Seinsarten kritisieren und neue Lebensmodelle skizzieren lassen.

Ausgehend von der wichtigen Rolle beider Wissenschaftlerinnen verfolgt das Promotionsprojekt das Ziel, die Genese der Symbiose als Ontologie in Margulis’ und Haraways Werk und Wirken herauszuarbeiten: Wie gestalten Sie die Überführung eines wissenschaftlichen Konzepts in ein politisches und philosophisches Bild? Welche Funktion übernehmen dabei Metaphern und andere Darstellungstechniken? Welche philosophischen Ressourcen werden eingespielt oder angespielt? Welche Rolle spielen dabei wissenschaftliche Netzwerke und Freundschaften? Inwiefern lassen sich ihre Praktiken als symbiotisch begreifen?

Durch Textanalysen, Durchsicht von Archivmaterial und Medienauftritten sowie Interviews mit Mitgliedern ihrer Denkkollektive zeichnet das Projekt nach, wie Margulis’ und Haraways symbiotische Ontologie ihren Ausgang in den sozialen Umbrüchen und intellektuellen Strömungen der 1960er und 1970er Jahre nahm, an denen beide Frauen aktiv beteiligt waren. Untersucht wird somit, wie Margulis der Symbiose im Austausch mit Denker*innen verschiedenster Couleur ontologisches Gewicht verlieh, und wie Haraway, darauf aufbauend, durch Lektüre und Dialog mit Biolog*innen einerseits ihrer relationalen Ontologie das Denkbild der Symbiose einschreibt und andererseits der Symbioseforschung von befreundeten Kolleg*innen ontologisierende Züge verleiht.

 

Abb. oben: © D.M. Nagu

Publikationen

Salome Rodeck

Veranstaltungen

Diskussion
13.06.2021 · 18.00 Uhr

Salome Rodeck u.a.: Learning How to Live Together: A Symbiotic Worldview

online via Zoom

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Vortrag
15.02.2019

Salome Rodeck: Symbiosis. The Past, Present and Future of a Concept

Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Boltzmannstraße 22, 14195 Berlin

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