Symbiotische Weltsicht. Theorien und Praktiken der Koexistenz im Anthropozän

Während Ende des 19. Jahrhunderts in Europa noch die Meinung vorherrschte, jegliches interspezifisches Zusammenleben sei parasitär, wird das Phänomen der Symbiose in den letzten Jahren global zunehmend divers debattiert. Neue Erkenntnisse zur Allgegenwart und Tragweite symbiotischer Prozesse für die Entwicklung, das Überleben und die Evolution von Lebewesen scheinen grundlegende Annahmen der Genetik, Immunologie und Evolutionsbiologie in Frage zu stellen. So entstehen beispielsweise viele Strukturen der Organismen, die wir als ›Individuen‹ begreifen, erst im Zusammenspiel chemischer Prozesse der Symbionten. Statt ›feindliche‹ Mikroben zu bekämpfen, scheint das Immunsystem erst in komplexen ›Verhandlungen‹ mit Mikroorganismen zwischen Symbiont und Parasit zu unterscheiden. Populärwissenschaftliche Bücher wie Ed Yongs Winzige Gefährten (2018) und Peter Wohllebens Das geheime Leben der Bäume (2015) greifen die grundlegenden Fragen solcher Forschungserkenntnisse auf und regen an, geläufige Begriffe wie ›Spezies‹, ›Individuum/Selbst‹ oder ›Natur‹ zu hinterfragen.

Diese philosophische Dimension der Symbioseforschung wird in den Environmental Humanities zunehmend für eine kritische Auseinandersetzung mit der Verknüpfung von westlichen Weltbildern und deren umweltzerstörerischen Konsequenzen – immer öfter unter dem Begriff des ›Anthropozäns‹ zusammengefasst – herangezogen. So plädiert der Philosoph und Literaturwissenschaftler Timothy Morton (2017) für eine Überwindung der konzeptionellen Trennung von Mensch und Nichtmensch und einer Rückkehr zum symbiotic real. Wissenschaftssoziologe Bruno Latour greift auf die Gaia-Hypothese zurück, um eine Reevaluierung des ontologischen Status des Planeten Erde als symbiotische Ganzheit anzustoßen. Donna Haraway schließlich, selbst studierte Biologin, entwickelt unter Rückgriff auf die Symbioseforscherin Lynn Margulis die ›Sympoietik‹ als einen ebenso grundlegenden wie richtungsweisenden Begriff der Dekonstruktion und Überwindung des Anthropozäns.

Der Bedeutungsüberschuss der Symbiose als nicht rein biologischer, sondern immer auch schon philosophischer Begriff steht im Zentrum des Dissertationsprojekts. Dabei gilt das Interesse vor allem Fragen nach dem historischen Wandel der ontologischen Spekulationen und soziopolitischen Hoffnungen, die der Begriff zu unterschiedlichen Zeiten geweckt hat und den Rückschlüssen, die sich daraus für die Gegenwart ziehen lassen.

Um sich diesen Fragen anzunähern, werden vergleichend drei Phasen untersucht: Die frühe Symbioseforschung um die Jahrhundertwende, in der um die Deutungshoheit über die Symbiose zwischen Sklaverei-Vergleichen und universellem Altruismus debattiert wurde. Die Neunzehnhundertsiebziger und -achtziger, in denen Bestrebungen, die Symbiose als Gegenbewegung zu einem genzentrierten Reduktionismus zu etablieren, Hand in Hand mit einer kritischen Betrachtung von Mensch-Natur-Beziehungen im Kontext der globalen Umweltbewegungen gingen. Und schließlich die Symbioseforschung des 21. Jahrhunderts, in der eine Pluralisierung von Methoden und Konzepten zu beobachten ist und gleichzeitig das eingangs erwähnte öffentliche Interesse gerade im Hinblick auf die Fragen, die der Anthropozänbegriff aufwirft, wächst. Das Projekt will so einen Beitrag zur Erweiterung und Verknüpfung der wachsenden Forschungsfelder leisten, die sich mit dem Bedeutungswandel der Natur- beziehungsweise Geisteswissenschaften im Spiegel des Anthropozäns auseinandersetzen.

ZfL-Promotionsstipendium 2020–2022
Leitung: Salome Rodeck

Publikationen

Veranstaltungen

Vortrag
15.02.2019

Salome Rodeck: Symbiosis. The Past, Present and Future of a Concept

Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Boltzmannstraße 22, 14195 Berlin

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