Zum Wissenschaftsverständnis der Literaturwissenschaften in Deutschland in ihrem Bezug zu natur-, sozial-, technik- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen 1890–2000

Wissenschaftsverständnis der Literaturwissenschaft in Deutschland
Die aktuelle Diskussion um die Kulturwissenschaften und eine kulturwissenschaftliche Neuorientierung der Literaturwissenschaft hat – wieder einmal – die Einheit der Geisteswissenschaften in Frage gestellt. Selbst wenn die Annahme einer ‚Einheit der Geisteswissenschaften’ Ergebnis einer spezifischen wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive ist: als eine von anderen Wissenschaftsklassen sich unterscheidende hat sie ihren Platz bisher immer neu verteidigen müssen. Neuerdings verschieben neu gegründete kulturwissenschaftliche Institute und Fachbereiche die überkommenen Fächergrenzen der alten Fakultäten oder tendieren dazu, diese aufzuheben. Neue Fragestellungen, das Experimentieren mit anderen Theorien und Methoden erschweren es, die traditionell geisteswissenschaftlichen Fächer unter einem Dach der Geisteswissenschaften zu integrieren.
Diese gegenwärtige Situation des institutionellen Umbaus und der methodologischen Neuorientierungen bietet den Anlass, die historischen Selbstbeschreibungen von 1890–2000 in den Blick zu nehmen, in denen die Literaturwissenschaften programmatisch ihre disziplinäre Identität begründen. Im Unterschied und in Ergänzung zur bisherigen fachgeschichtlich orientierten Wissenschaftsgeschichtsschreibung der Literaturwissenschaft soll diese Disziplin hier unter dem Aspekt der Dynamik im Wissenschaftssystem, d. h. in ihren wechselnden Bezügen zu anderen Fächern, gleichsam im „Konzert der Disziplinen“, untersucht werden. Welche Ordnungen des Wissens werden vorgenommen, mit welchen und auf welche Weise vermittelten Bedeutungen werden sie versehen, und welche Anschlüsse an andere Fächer werden damit hergestellt bzw. verbaut? Für diese Längsschnitt-Untersuchung wurde eine Datenbank angelegt.

Fallstudien
Es wird nach jenen Veränderungen im Wissenschaftsverständnis der Literaturwissenschaften in Deutschland gefragt, die als Effekte einer Rezeption der Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften zu beschreiben sind. Angestrebt wird jedoch keine zusammenhängende Rekonstruktion der Geschichte der Literaturwissenschaften im Sinne einer Entwicklungsgeschichte bzw. eines fortlaufenden Prozesses. Vielmehr geht es in den Fallstudien um die Untersuchung jener „Szenarien“, in denen die wichtigsten epistemologischen Umbrüche stattfanden. Methodisch orientieren sich die Studien an Verfahren der Historischen Semantik.

gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2001–2005
Leitung: Petra Boden, Dorit Müller, Gregor Streim
Gäste: Friedrich Vollhardt, Klaus Weimar

Teilprojekte

Transformationen des Medienbegriffs in den Literaturwissenschaften (1970-2000)

Leitung: Dorit Müller

Seit etwa 1970 vollzieht sich unter dem Eindruck kommunikationstechnischer Innovationsschübe eine literaturwissenschaftliche Öffnung für medienwissenschaftliche Fragestellungen. Die Hinwendung zu den Medien geht einher mit der Öffnung der Literaturwissenschaften für Theorien aus der Soziologie, Semiotik und Informationstheorie. Seit Anfang der 1980er Jahre setzt sich zunehmend die Einsicht in die mediale Bedingtheit jedes literarischen Einzelwerks durch und der Begriff Medialität gewinnt an Bedeutung. Ende der 1980er Jahre kommt es zur Gründung medienwissenschaftlicher Studiengänge (meist an literaturwissenschaftlichen Instituten) sowie zur Etablierung von selbständigen Fachbereichen. Trotz Skepsis gegenüber interdisziplinären Kooperationschancen wird der Medienwissenschaft eine Brückenfunktion zwischen einzelnen Disziplinen zugebilligt. Eine medienorientierte Literaturwissenschaft plädiert nicht nur für eine verstärkte Kooperation mit empirisch arbeitenden kulturwissenschaftlichen Disziplinen wie Soziologie, Psychologie und Pädagogik. Sie verhandelt auch über Anknüpfungen an Konzepte aus Ethnologie und historischer Anthropologie sowie über den Zusammenschluss mit anderen Geistes- und Sozialwissenschaften und mit einzelnen Natur- und Technikwissenschaften zu einem Wissenschaftsverbund, dessen Aufgabe die Erforschung von Konstellationen medienbestimmter Kulturzusammenhänge sein soll. Aufgabe der Fallstudie ist es, die unterschiedlichen medienwissenschaftlichen/ medienkulturwissenschaftlichen Konzeptionen und den jeweils verwendeten Medienbegriff zu rekonstruieren und zu fragen, wie sich Erkenntnisinteressen, Verfahrensweisen und das wissenschaftliche Selbstverständnis der Literaturwissenschaften unter seinem Einfluss verändert haben und auch gegenwärtig noch verändern.

Wissenschaft als Regelsystem. Zum Funktionsbegriff im Kontext der Scientifizierungsversuche (1960-1980)

Leitung: Petra Boden

Die in Ost und West unternommenen Anstrengungen, die Literaturwissenschaften zu modernisieren, orientierten sich sowohl an veränderten gesellschaftlichen Bedürfnissen als auch an Verschiebungen innerhalb des Wissenschaftssystems. Die Fallstudie nimmt jene Reformversuche in den Blick, die einen naturwissenschaftlich formulierten Wissenschaftsbegriff zugrunde legten und sich in wissenschaftstheoretischen und – philosophischen Debatten informierten. Von besonderem Interesse sind hier interdisziplinäre Unternehmen, die zwischen sogenannten Naturwissenschaften (Mathematik und Kybernetik) und Literaturwissenschaften auf den Weg gebracht werden sollten. Kybernetik galt weithin, wenn auch nur für wenige Jahre, als neue Leitwissenschaft, als Selbststeuerungstheorie für die Wissenschaften insgesamt und auch für Literaturwissenschaften. Unter ihren epistemologischen Vorgaben sollten auch die Grenzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften wieder aufgehoben werden. Mathematische Modelle lagen den Versuchen zugrunde, Sprach- und Literaturwissenschaften epistemologisch wieder zu verklammern (Strukturalismus, Semiotik), die sich institutionell in dieser Zeit jedoch stärker verselbständigen. Dieser Trend wirkt sich in allen Philologien zur gleichen Zeit aus, bringt deren unterschiedliche Wissenschaftstraditionen ins Spiel, hat jedoch im Zuge der Bildungsfunktion der Literaturwissenschaften, zumal im Zeichen einer Ost-West-Auseinandersetzung Chancen. Anberaumte grenzüberschreitende Ost-West-Kooperationen im Zeichen der Kybernetik scheiterten. In dieser Fallstudie wird die Differenz zwischen einem naturwissenschaftlichen und einem gesellschaftswissenschaftlichen – in den Literaturwissenschaften zirkulierenden –Begriff „Funktion“ herausgearbeitet.

Konzepte einer lebenswissenschaftlichen Literaturbetrachtung: Vom Begriff des Lebens zum Strukturbegriff (1920-1950)

Leitung: Dorit Müller

Seit etwa 1920 entstehen literaturwissenschaftliche Konzeptionen, in denen der Begriff des „Lebens“ zur zentralen Kategorie erhoben wird und die den Anspruch erheben, bestimmte Formen der Erstarrung, Atomisierung und Pluralisierung wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion aufzubrechen. Eine sich als „Lebenswissenschaft“ profilierende Literaturforschung reflektiert intensiv ihr Verhältnis zu anderen Disziplinen. Wissensbestände, Theorien und Verfahrensweisen der Philosophie, der Psychologie, der Anthropologie und Biologie rücken in den Blick und lösen Diskussionen über den Status genuin literaturwissenschaftlichen Forschens aus. Im Unterschied zur Konsolidierungsphase der „Geisteswissenschaften“ geht es nun um Versuche, die Trennung der Wissenschaftsklassen wieder zu unterlaufen. Dieser Impuls kann sich ab 1933 durch politische Forschungen zusätzlich Aufmerksamkeit und Legitimation verschaffen. Ende der 1930er Jahre wird der Lebensbegriff verstärkt mit dem Rasse- und Gestaltbegriff verkoppelt und der Bezug zu den Naturwissenschaften gesucht. Partiell werden solche Ansätze in den 1940er Jahren zum Projekt einer „Gesamtwissenschaft“ ausgebaut oder sie führen in den 1950er Jahren zur Konzeption einer „morphologischen Poetik“, die gegenwärtig als „prästrukturalistischer“ Ansatz innerhalb der Werkimmanenz verortet wird. In der Fallstudie kommt es darauf an zu zeigen, unter welchen Bedingungen sich innerhalb der Literaturwissenschaften ein Begriff von „Leben“ konstituiert, der sich von historisch vorgängigen Bedeutungen so unterscheidet, dass von einer Verschiebung der Erkenntnisinteressen/Forschungsfelder, d.h. von einer Neuordnung des Wissens in den Literaturwissenschaften gesprochen werden kann.

Einheit der Welt – Einheit der Wissenschaft(en): Zum Umgang mit dem Entwicklungsbegriff in den Literaturwissenschaften zwischen 1890 und 1930

Leitung: Petra Boden

Unter spezifischen Aspekten von „Entwicklung“ (Begriff, Idee, Theorie) wird in den Literaturwissenschaften um 1900 das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften, der Zusammenhang von älterem und neuerem Gebiet, von Sprach- und Literaturwissenschaft sowie das neue Verhältnis von Literaturwissenschaft zu Ästhetik, Geschichtswissenschaft, Philosophie und Psychologie verhandelt. In der Fallstudie soll dieser Prozess der Selbstreflexion und die damit zusammenhängenden Veränderungen wissenschaftlicher Praxisformen dargestellt werden. Zentrale Probleme hierbei sind: Die Konsolidierung der „Geisteswissenschaften“ als Versuch einer epistemologischen Abgrenzung von naturwissenschaftlichen Erkenntnisweisen; der Wechsel der Leitdisziplin von Biologie zu Philosophie und Kultursoziologie (von Darwin zu Dilthey, Windelband und Rickert als Krise des Historismus); die epistemologische (nicht institutionelle) Trennung von Sprach- und Literaturwissenschaften. Die Literatur- bzw. Kulturgeschichtsschreibung, ist hierbei die Praxisform, die am nachhaltigsten davon verändert wird; neues Erkenntnisinteresse: Epochenforschung. Besondere Beachtung finden die Diskussionen in der Geschichtswissenschaft in der sich zwei Konzepte von Entwicklung beobachten lassen: Erstens: Prozess wird von Vergangenheit zur Gegenwart und Zukunft gedacht à Vergangenheit ist ein ‚Pool’ von Möglichkeiten, die jedoch nicht alle realisiert werden; so gesehen ist die Gegenwart kontingent und die Zukunft offen. (= Entwicklung) Zweitens: Prozess wird von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit gedacht à Gegenwart ist (notwendige) Folge der Vergangenheit, also nicht kontingent (= Teleologie, Entelechie)

Publikationen

Aufsätze:
Dorit Müller: Das Konzept einer Gesamtwissenschaft von Herbert Cysarz, in: Euphorion, H. 1, 2006.

Veranstaltungen

Workshop
07.11.2003 – 08.11.2003 · 01.00 Uhr

Zur gegenwärtigen Lage der Wissenschaftsforschung. Eine Bestandsaufnahme

Humboldt-Universität Berlin, Institut für deutsche Literatur, Schützenstr. 21, Raum 116 Zentrum für Literaturforschung, Jägerstr. 10/11, 10117 Berlin, R. 06

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