Diskurse des Lebens. Paradigmatische Konzepte um 1900 und ihre Bedeutung für die Gegenwart

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Das Wissen vom Leben stellt ein wesentliches Paradigma der Gegenwart dar, das Wissenschaft, Ökonomie, Ethik und Politik gleichermaßen bestimmt. Das Projekt hat sich mit jener lebenswissenschaftlichen Konstellation beschäftigt, die einen neuen, umfassenden Lebensbegriff hervorgebracht hat und deshalb – so eine Hypothese des Projekts – auch der gegenwärtigen Situation zugrunde liegt. Ausgehend von aktuellen Problematiken wurden paradigmatische Diskurse über das Leben um 1900 untersucht. Leitend war dabei die Frage, welche semantischen, epistemologischen und ethischen Konsequenzen die implizite Ganzheitlichkeit des Lebens hat, sobald es wissenschaftlicher Gegenstand wird. Damit sollte nicht nur ein kritisches Verständnis sowohl der damaligen als auch der gegenwärtigen wissens- und kulturgeschichtlichen Konstellation erarbeitet werden, sondern es sollten auch vergessene Reflexionspotentiale systematisch erschlossen werden.

Gegenstand des Projekts waren vier paradigmatische Positionen, die vor allem dadurch miteinander verbunden sind, dass ihre Konzeptualisierungen auf je eigene Weise über den Gegensatz von Geistes- und Naturwissenschaft hinausweisen:

(I) Ernst Haeckel erweiterte die biologische Evolutionstheorie zu einer universellen Lebenswissenschaft, die das Ganze der Erfahrungswelt naturwissenschaftlich erklären soll. Seine abschließende Konturierung erfuhr seine monistische Weltanschauung in der Schrift Die Lebenswunder. Gemeinverständliche Studien über Philosophische Biologie (1904), womit der Begriff Leben in den Mittelpunkt seiner darwinistischen Entwicklungslehre rückte.

(II) Der späte Wilhelm Dilthey entwickelte eine Hermeneutik des Lebens, die in einer allgemeinen Theorie des Wissens und der Wissenschaft mündete.

(III) Georg Simmel entwarf in seinen Spätschriften eine Metaphysik des Lebens und gab damit seiner Kulturtheorie ein ganzheitliches Fundament. Das Leben wurde dabei als ein konflikthafter dialektischer Prozess bestimmt, der auch dessen Gegensatz, die Form, umfasst.

(IV) Sigmund Freud schließlich formulierte in Jenseits des Lustprinzips (1920) seine Triebtheorie im Zeichen des Lebens um. Anhand der Durchquerung der evolutionsbiologischen Debatten der Zeit entwickelte er ein dynamisches Lebenskonzept jenseits der ›zwei Kulturen‹, das am Anfang der kulturtheoretischen Erweiterung der Psychoanalyse, d.h. seiner Metapsychologie des Gattungswesens Mensch, stand.

gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung 2013–2014
Bearbeitung: Johannes Steizinger

Publikationen

Johannes Steizinger

  • »Vorbild, Beispiel und Ideal. Zur Bedeutung Goethes für Wilhelm Diltheys Philosophie des Lebens«, in: Claude Haas, Johannes Steizinger, Daniel Weidner (Hg.): Goethe um 1900. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2017, 27–49
  • »Engineers of Life? A Critical Examination of the Concept of Life in the Debate on Synthetic Biology«, in: Kristin Hagen, Margret Engelhard, Georg Toepfer (Hg.): Ambivalences of Creating Life. Societal and Philosophical Dimensions of Synthetic Biology. Cham: Springer 2016, 275–292
  • Rezension zu: Nitzan Lebovic: The Philosophy of Life and Death. Ludwig Klages and the Rise of a Nazi Biopolitics. Palgrave Mac Millan, New York 2013, 301 S., in: Weimarer Beiträge 1 (2015), 156–160

 

Veranstaltungen

Konferenz
09.10.2014 – 10.10.2014

Epistemologien des Lebens. Jenseits der »zwei Kulturen« 1900/2000

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Trajekte-Tagungsraum 308

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