Unordnungen
Programm
ZwischenRäume ist eine Veranstaltungsreihe, die dem Austausch und der Zusammenarbeit folgender Institutionen dient:
Bauhaus Universität Weimar (Fakultät Medien)
Freie Universität Berlin (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Humboldt-Universität zu Berlin (Institut für deutsche Literatur)
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Programm
14:00
Begrüßung
Ana Ofak und Simon Roloff
14:15
Die Kunst, dem Feind zu trotzen. Unordnung vs. Ordnung im Ausnahmezustand
Jörn Münker (PhD-Net „Das Wissen der Literatur“, Humboldt- Universität zu Berlin)
15:15
Die archontische Macht der Archivarin. Zur Verzeichnung der Hinterlassenschaften von Susan Taubes
Christina Pareigis (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin)
16:45
Zum Paradox des Schrift-Bildes am Beispiel Einar Schleefs
Anna Häusler (GK „Mediale Historiographien“, Bauhaus Universität, Weimar)
17:45
„Messy things on cheap machines“. Anordnungen von Unordnungen in der Chaostheorie
Nina Samuel (Technisches Bild, Helmholtz Zentrum für Kulturtechnik, Berlin)
„Wenn ich »Stillgestanden!« schreie, dann nimmt jeder stramme Haltung an.“
Mit diesem Befehl sollte das Publikum am Center of 20th Century Studies
in Milwaukee am 17.09.1977 weniger zur Ordnung als zur Unordnung
gerufen werden. Der „absolute und bedingungslose Gehorsam“ gegenüber
Befehlen, die eine (kriegs)strategische Anordnung von Menschen und
Dingen im Sinn hatten, missbrauchte Heinz von Foerster in seinem Vortrag
für ein epistemologisches Experiment. Im Kern sollte es die
Einseitigkeit einer nur auf Signalprozessierung der Universalrechner
bezogenen mathematischen Theorie der Kommunikation anzeigen. Heinz von
Foerster forderte damit Claude E. Shannon heraus und konfrontierte seine
Theorie mit dem Ungehorsam. Denn wo Befehle Ungehorsam provozieren, wo
„ein junger Mann eine obszöne Geste macht und geht, anstatt stramme
Haltung anzunehmen“, in diesen Ausnahmefällen der Kommunikation
scheitert Shannons Theorie. Das Signal determiniert die Information
nicht. Der Befehl vermag den Körper und die Waffe nicht zu steuern.
Unordnung macht sich breit, die nur durch „Neues“ behoben werden kann,
so von Foerster. „Renegaten, Häretiker“ und „unzuverlässige Kanäle“
wurden als Quellen dieses „Neuen“ angegeben. „Epistemologie“, so mahnte
von Foerster schließlich an, „ist daher auch ein politisches Problem.“
Was
kann man mit diesem Einbruch des Politischen in das Feld der
Kommunikations- und der Erkenntnistheorie anfangen? Inwiefern sind
Störung und Ungehorsam gegenüber gegebenen Ordnungen als
epistemologische Koordinaten relevant? Diese Fragen und von Foersters
epistemologisches Experiment als Denkanstoss nehmend, sollen Räume des
Wissens, ihre Logistik, die in ihnen stattfindenden Praktiken und
Usurpationen dem Versuch einer Reevaluation unterzogen werden. Während
in der Vorlesungsreihe „Anordnungen“ davon ausgegangen wurde, dass vor
der Ordnung von Wissenssystemen die Ebene ihrer Anordnungen liegt, die
in Dispositiven und Aufschreibesystemen zur Formalisierung findet,
sollen die Beitragenden der ZwischenRäume 16 ihr Augenmerk auf die
möglichen Unordnungen dieser (idealen) Regefälle richten. Unaufgeräumte
Tische, dysfunktionale Experimentalarchitekturen, unberechenbare
Eigenwerte und strange attractors sind nur einige Beispiele von
Akteuren und Dingen, die Prozesse der Wissenserlangung ins Stocken
geraten lassen, in eine neue Richtung lenken, oder überhaupt erst in
Gang setzen. Was hieße es vor diesem Hintergrund, die Epistemologie
(politisch) für den Fall eines Ausnahmefalls zu rüsten?