Ausschnitt des monophyletischen Stammbaums in Ernst Haeckels »Natürlicher Schöpfungsgeschichte«, zu sehen sind die Urstämme des Pflanzen-, Protisten- und Tierreichs sowie auf der darüberliegenden Ebene die Urpflanzen, Urwesen und Uritere.

Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen

Das Projekt ist Teil der DFG-Forschungsgruppe »Aitiologien: Figuren und Funktionen begründenden Erzählens in Wissenschaft und Literatur«, die das Konzept der Aitiologie interdisziplinär fruchtbar machen möchte. Dafür werden Schöpfungserzählungen, literarische und wissenschaftliche Urszenen sowie politische Gründungsnarrative mit Blick auf ihre jeweiligen Rhetoriken untersucht.

Das am ZfL angesiedelte zweigliedrige Teilprojekt widmet sich den weit verbreiteten aitiologischen Verfahren der ›historischen Naturwissenschaften‹. Diese beschreiben und erklären weit zurückreichende natürliche Verläufe, wie die Abfolge von geologischen Formationen und Lebensformen in der Geschichte der Erde. Der Fokus im Projekt liegt auf der Bedeutung aitiologischer Erklärungen für die Naturwissenschaften selbst und ihrer Rezeption im Rahmen kritischer Gesellschaftstheorien. Leitend ist dabei die Frage, wie im Rahmen aitiologischer Argumentationen Gegenwärtiges über die Darstellung historischer Verläufe verstanden, erklärt und kritisiert wird, insbesondere durch das Konstruieren und Rekonstruieren signifikanter Anfangspunkte von Entwicklungen, der ›Ursprünge‹.

 

Abb. oben: Einstämmiger oder monophyletischer Stammbaum der Organismen (Ausschnitt), Quelle: Ernst Haeckel: Natürliche Schöpfungsgeschichte, Berlin: Gg. Reimer 1868, Taf. 1, 569

gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Forschungsgruppe »Aitiologien: Figuren und Funktionen begründenden Erzählens in Wissenschaft und Literatur« 2023–2027
Leitung: Georg Toepfer
Bearbeitung: Liola Mattheis

Projektwebsite: www.aitiologie.de

Teilprojekte

Begriffe, Bilder und Verfahren aitiologischer Narrative in den historischen Naturwissenschaften

Leitung: Georg Toepfer

Ziel ist es, die erklärenden Evolutionserzählungen in den Biowissenschaften hinsichtlich ihrer Begriffe, Bilder, Verfahren und Instrumentalisierungen sowie der epistemischen Funktionen und des fiktionalen Status der Ursprungsstrukturen zu analysieren. Gefragt werden soll nach der empirischen Zugänglichkeit der postulierten Ursprünge, ihrem zugleich fiktiv-hypothetischen und erklärungsmächtigen Gehalt, ihrer narrativen Einbindung und explanativen Reichweite. Dabei soll das Spezifische der naturwissenschaftlichen Aitiologien und ihre Differenz zu kulturellen Mythen und Ideologien bestimmt werden. So sollen am Beispiel der Aitiologien auch das Zusammenspiel von Fiktionalität und Faktizität, Konstruktion und Rekonstruktion, sowie Narration und Explanation in den historischen Naturwissenschaften untersucht werden. Die grundlegende Hypothese lautet, dass der Konstruktion eines Ursprungs in den Argumentationen der historischen Naturwissenschaften eine ähnliche, das Mannigfaltige der Erscheinungen ordnende und vereinheitlichende Funktion zukommt wie den Gesetzen in den nomologischen Naturwissenschaften.

Kritische Rekapitulationen: Wiederholte Ursprünge zwischen Evolutionsbiologie und marxistischer Theorie

Leitung: Liola Mattheis

Die Annahme, dass die Individualentwicklung die Speziesevolution wiederhole (›rekapituliere‹), beeinflusste marxistische Positionen, vom klassischen Marxismus bei Friedrich Engels bis zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule bei Herbert Marcuse und darüber hinaus. Während die problematischen Verstrickungen der Rekapitulationstheorie mit kolonialen Zeitvorstellungen, rassistischer Psychologie und Eugenik  wissenschaftsgeschichtlich vielfältig kritisiert wurden, verbleibt ihr Wirken innerhalb kritischer Gesellschaftstheorien bisher noch kaum untersucht. Mit philosophischen, literaturwissenschaftlichen und wissensgeschichtlichen Methoden beleuchtet das Dissertationsvorhaben die sich wandelnden Überträge zwischen Evolutionsbiologie, Psychoanalyse und Marxismus. Im Sinne einer selbstreflexiven Auseinandersetzung mit ambivalenten theoretischen Vermächtnissen ist das Vorhaben von folgenden Fragen geleitet: Wie prägt die Rezeption der Rekapitulationstheorie sozialkritische Analysen und Programme? Wie dynamisieren die narrativen und rhetorischen Operationen der Rekapitulation (wie v.a. Wiederholung, Kondensation, Akzeleration, Parallelisierung und Synekdoche) die Aitiologien sozialer und psychisch-subjektiver Formen in kapitalistischen Systemen? Welche Bedeutung hat die rekapitulative Relationalisierung verschiedener Entwicklungsebenen für postmarxistische Gegenwartsdiagnosen, insbesondere im sogenannten Kapitalozän?

Veranstaltungen

Feierliche Eröffnung der DFG-Forschungsgruppe
11.01.2024 · 18.00 Uhr

Aitiologien: Figuren und Funktionen begründenden Erzählens in Wissenschaft und Literatur

Freie Universität Berlin, Fabeckstraße 23–25 (Holzlaube), 14195 Berlin, Raum 2.2058/59

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