Diversität. Begriffe, Paradigmen, Geschichte

Ziel des Projekts ist es, die verschiedenen Traditionslinien, die zur gegenwärtigen politischen Konjunktur des Konzepts der Diversität geführt haben, in ihrer Unterschiedenheit und Wechselwirkung zu verstehen und in ihrer Konvergenz zu erklären. Nach unseren bisherigen Analysen lassen sich vier Paradigmen der Diversität gegeneinander abgrenzen:

(1) ein sozial-juridisches Gleichberechtigungsparadigma, angestoßen von Emanzipationsbewegungen und gerichtet auf die Gleichbehandlung und Gleichstellung von Menschen unabhängig von ihren biologischen oder kulturellen Eigenheiten;

(2) ein liberalistisch-ökonomisches Markt- und Managementparadigma, das ›Vielfalt‹ als Ergebnis und Ziel des freien Marktes versteht und auf Effizienz im Management von Unternehmen zielt;

(3) ein ethisch-ökologisches Naturschutzparadigma, das in der (Bio-)Diversität einen unersetzlichen Wert an sich und einen Garanten für ökologische Stabilität sieht; und schließlich

(4) ein kulturell-ästhetisches Selbstentfaltungsparadigma, für das Diversität ein zentrales Prinzip der Selbstidentifikation und Eigendarstellung, das Grundlage unterschiedlicher Identitätspolitiken sein kann.

Der Fokus des Projekts liegt darauf, die normative Aufladung des Diversitätsbegriffs aus der gegenseitigen Beeinflussung dieser konzeptionell und historisch zunächst sehr unterschiedlich verankerten Paradigmen zu erklären. Dieses normative Diversitätskonzept ermöglicht es ‒ so die dem Projekt zugrundeliegende Hypothese ‒, eine Grundstruktur der Spät- oder Nachmoderne auf den Begriff zu bringen. Wesentliche Motive der Moderne werden dabei reflektiert und distanziert betrachtet, etwa die Ideale des Universalismus, Monismus und Anthropozentrismus. Im Detail zu untersuchen ist dabei, auf welche Weise die Konzepte der verschiedenen Felder aufeinander Bezug nehmen und in ihrer Interaktion neue Perspektiven entfaltet haben.

Das Projekt fächert sich in drei Teile auf:

(1) Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung widmet sich der historischen Semantik von ›Diversität‹ und seinen Nachbarbegriffen (wie ›Pluralismus‹, ›Mannigfaltigkeit‹ und ›Heterogenität‹) in der politisch-sozialen Sprache des 20. Jahrhunderts; sie wird in einen Beitrag zum ZfL-Lexikon Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen münden.

(2) In einem kleinen Kompendium wird die Entwicklung des Diversitätsdiskurses anhand der Geschichte zentraler Begriffe (wie ›Emanzipation‹, ›Rassismus‹ oder ›Intersektionalität‹) nachgezeichnet und nach verschiedenen Zeitschichten gegliedert; diese Arbeit, die auch eine Website umfasst (www.diversity-glossar.de) entsteht im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem Diversity and Gender Equality Network (DiGENet) der Berlin University Alliance (BUA).

(3) Schließlich befindet sich eine Monografie zu den Darstellungsformen der biologischen Vielfalt in ihrem Wechselspiel mit sozialen Modellen in Arbeit.

seit 2021
Leitung: Georg Toepfer

Publikationen

Georg Toepfer

Veranstaltungen

Vortrag
05.10.2021 · 11.15 Uhr

Georg Toepfer: Wie die Menschen! Wann und warum die Tiere im 20. Jahrhundert zu »Sprache«, »Geist« und »Kultur« fanden

online

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Vortrag
04.10.2021 · 14.30 Uhr

Georg Toepfer: Der Wert der Vergangenheit in der ökologischen Krise der Gegenwart

Senckenberg Museum Görlitz

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Vortrag
01.10.2021 · 14.30 Uhr

Georg Toepfer: Der Landschaftswandel in der Energiewende. Fünf historische Stationen, vier paradigmatische Richtungen, drei Traditionen, zwei Alternativen und ein Einzelfall

Gorch-Fock-Wall 3, 20345 Hamburg, Seminarraum der Kolleg-Forschungsgruppe

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Vortrag
16.09.2021 · 10.30 Uhr

Georg Toepfer: Vier Naturbegriffe des Naturschutzes: Landschaft, Vielfalt, Wildnis und Gefüge

Hans-Eisenmann-Haus, 94556 Neuschönau

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