ZfL INFO 06/2026: Aktuelle Beiträge im ZfL BLOG
AKTUELLE BEITRÄGE IM ZfL BLOG
- Katrin Trüstedt berichtet vom Lausitz Festival 2025 und Inszenierungen des Unsichtbarmachens (19.1.2026)
- Claude Haas rezensiert Christian Kienings »Weltphilologie« (6.1.2026)
- Matthias Schwartz analysiert, wie in den Romanen Illarion Pavliuks verborgene Seiten des Krieges zutage treten (18.12.2025)
- Gianna Zocco stellt einen der ersten deutschsprachigen postkolonialen Texte vor (8.10.2025)
- Laura Otis liest Ocean Vuongs Roman Auf Erden sind wir kurz grandios (24.9.2025)
Katrin Trüstedt: Im Rücken die Ruinen Europas: OPHELIA IN DER LAUSITZ
»Ich war Emilia. Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa.«
Während Emilia in einer der riesigen Fabrikhallen ihren Auftritt hat, hören wir aus einer anderen Halle Desdemona schreien, die gerade umgebracht wird. Es ist Lausitz Festival 2025 und wir sehen, frei nach Shakespeare (und mit Heiner-Müller-Zitaten gespickt), Othello/Die Fremden. Die »Ruinen von Europa« sind hier weder Nachkriegsruinen noch etwa metaphorische Ruinen, sondern stillgelegte Lausitzer Fabrikanlagen, die keine Gläser und keine Briketts mehr produzieren, sondern nun Kunst. Othello/Die Fremden sehen wir in den Hallen der ehemaligen Telux-Werke in Weißwasser/Běła Wóda (Telux wurde 1899 vom jüdischen Unternehmer Joseph Schweig gegründet und war zehn Jahre später größter Produzent von technischen Gläsern weltweit); die Sonettfabrik nach Shakespeares Sonetten in der ehemaligen Brikettfabrik Louise in Domsdorf; und das Stück Müller & Müller wird am Originalschauplatz aufgeführt, dem ehemaligen Klettwitzer Braunkohletagebau.
Claude Haas: EIN FACH VON WELT. Zu einem Plädoyer für die Welthaltigkeit der Philologie
Die Welt hatte im 21. Jahrhundert in den Geisteswissenschaften bislang keinen guten Ruf. Philosophen wie Markus Gabriel verkündeten, es gebe sie gar nicht, sondern nur Anschauungen, Vorstellungen und Begriffe von ihr. Diese – und mit ihnen auch die Welt – gelte es im Sinn eines ›Neuen Realismus‹ endlich ad acta zu legen und im Anschluss an ihre Grablegung »den Grundsatz einer neuen Philosophie [zu] entwickeln«. Demgegenüber leuchteten die Literaturwissenschaften die kulturellen und politischen Implikationen von Welt-Begriffen noch einmal akribisch aus. Anders als im neorealistischen Neubeginn der Philosophie entpuppten sich die Zuschreibungen oder Behauptungen von ›Welt‹ in ihren Analysen jedoch als leere Verheißungen nicht etwa von zu viel, sondern als solche von zu wenig Welt. Wo Welt drauf stand, war nur ein Bruchteil Welt drin.
Matthias Schwartz: In der Finsternis des Krieges. DER UKRAINISCHE BESTSELLER-AUTOR ILLARION PAVLIUK
Der in Deutschland wohl bekannteste Schriftsteller aus der Ukraine, Juri Andruchowytsch, sagte im Sommer in einem Interview auf dem Buchfestival »BestsellerFest 2025« im westukrainischen Lwiw: »In der Ukraine gibt es viel mehr Menschen, die ein Foto zusammen mit mir haben, als solche, die auch nur ein einziges meiner Bücher gelesen haben.« Damit dürfte Andruchowytsch nicht alleine sein. Schaut man sich die Verkaufszahlen der in den letzten zehn Jahren ins Deutsche übersetzten Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Ukraine im Land selbst an, zeigt sich: Sie erhalten zwar internationale Preise, Stipendien und Einladungen, doch zu Hause erreichen sie nur ein recht überschaubares Publikum.
Bestseller schreiben andere, die wiederum bei uns kaum jemand kennt. Bis 2014 waren dies häufig russischsprachige Bücher, die auch in anderen Ländern des postsowjetischen Raums, insbesondere in der Russischen Föderation, verkauft werden konnten. Seit dem Euromaidan 2013/14 und Russlands anschließender Invasion sowie aufgrund verschärfter Sprachgesetze, die auf eine Förderung ukrainischsprachiger Literatur und ein Zurückdrängen des Russischen zielen, hat sich die Lage jedoch geändert. Heute verkaufen sich auch auf Ukrainisch publizierte Werke hunderttausendfach.
Gianna Zocco: AGENCY AND POWERLESSNESS IN AN EARLY POSTCOLONIAL NOVEL IN GERMAN
Dualla Misipo (1901–1973) was a Cameroonian-German-French writer. His novel Der Junge aus Duala is one of the first postcolonial literary texts written in German. It was first published in 1973, but we presume that parts of it were already written during the interwar period. The novel recounts the story of Ekwe Njembele, a young Cameroonian boy born in the port city of Douala during Germany’s colonial rule. After attending Douala’s German government school, he continues his education in Germany at about age ten. Before he even arrives at his “second home”—a small Hessian town where he will live with a foster family—his journey brings him to Frankfurt am Main. Here, his travel companions—a white German teacher from Douala and his foster father—are eager to immediately take him to the famous Frankfurt Zoo.
Laura Otis: LITERATURE AS HANDWORK: Ocean Vuong’s “On Earth We’re Briefly Gorgeous”
A wide range of readers have admired Vietnamese-American poet Ocean Vuong’s debut novel, On Earth We’re Briefly Gorgeous (2019). Both his first and his second novel, The Emperor of Gladness (2025), have been translated into German as Auf Erden sind wir kurz grandios and Der Kaiser der Freude, respectively. In language of striking beauty and originality, On Earth We’re Briefly Gorgeous tells the story of Little Dog, a 28-year-old gay, working-class Vietnamese-American writer, and the family members who made his life possible. Inspired by people who defy oppression by finding joy, he honors them by crafting poetry.
Der ZfL BLOG ist 2017 aus dem Arbeitskreis Bloggen in den Geisteswissenschaften am ZfL hervorgegangen. Die Rubrik AD HOC reagiert auf aktuelle Debatten; EINBLICK versammelt Beiträge aus laufenden Forschungsprojekten; LEKTÜREN liefern genau das; SAG MAL! präsentiert die Menschen, die hinter der Forschung stecken. Außerdem enthält der Blog Beiträge zu unseren JAHRESTHEMEN. Die Beiträge des Blogs, die in unregelmäßigen Abständen erscheinen (ca. 30 pro Jahr) stammen vor allem von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des ZfL, aber auch von Gästen und Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland. Die meisten der Beiträge sind auf Deutsch, einige auf Englisch verfasst.
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