Lebenslehre – Lebensweisheit – Lebenskunst

Projektbeschreibung

Die lange und langlebige Tradition der Lebensweisheit und Lebenskunst (heute in einer ausufernden Ratgeberliteratur als Lifestyle und Wellness verhandelt) hat zwei Pole: zum einen die Vorstellung, dass das Leben selbst eine Schule sei und Unterweisung zu bieten habe, zum anderen die Annahme, dass erst diese oder jene Lebensführung (oder auch die Geschichte gelebten Lebens) belehrend sei. Beide Vorstellungen mischen sich häufig. Vor allem aber sind sie gleichermaßen auf Formen, insbesondere literarische, angewiesen. Das Projekt untersucht den Zusammenhang von Lebenslehre, Lebensweisheit und Lebenskunst diachron in seinen vielfältigen Erscheinungsweisen und widmet sich dabei besonders den Gattungen und Formen, in denen er sich im 17. und 18. Jahrhundert ausgeprägt hat.

Ein erstes Teilprojekt beleuchtet Strukturen des zeitlichen und räumlichen Entzugs, kurz: der Flüchtigkeit. Sie gehören in der neuzeitlichen Ordnung des Wissens zu den entscheidenden Bedingungen und Operationen, in denen sich die rationalistische Exploration des Lebens vollzieht. Die diskursiven, medialen und technisch-apparativen Milieus der Aufklärung sollen samt ihren Repräsentationsprogrammen auf diesen volatilen Kern befragt werden. Dabei ist es die Literatur mit ihrem spezifischen Zugriff auf Figuren und Strukturen des Lebens, die den Blick auf diese flüchtige Anlage des Wissens scharfzustellen erlaubt, wie anhand so unterschiedlicher Gattungen wie dem Brief- und Bildungsroman, der Kasualpoesie oder dem politischen Drama beispielhaft aufgezeigt werden soll.

Ein zweites Teilprojekt untersucht, als exemplarischen Denker, Denis Diderot. Mit einem allgegenwärtigen ethischen Anspruch einerseits und einer immensen Vielfalt an literarischen Zugängen andererseits repräsentiert sein Werk die poetische Kondition lebensweisheitlicher Philosophie in ausgezeichneter Weise. Mit seinen materialistischen und deterministischen Überzeugungen bringt Diderot zugleich eine kritische Perspektive auf jene Tradition ins Spiel, in der er selbst mit einem Fuß steht. So stellt die auf literarische Aspekte setzende Interpretation der ethischen Botschaft(en) des diderotschen Werks nicht allein einen historisch wie systematisch interessanten Beitrag zur Moralphilosophie in Aussicht, sondern lässt ebenso Rückschlüsse zu hinsichtlich der Frage nach dem schwierigen Verhältnis der Traditionen der Lebenskunst und Selbstsorge zum biologischen Wissen vom Leben.

Wegweisend für das Projekt ist das übergreifende Interesse an Prozessen der Weitergabe und Tradierung von Lebenslehren im Aspekt der Zeitlichkeit und Historizität des Lebensbegriffs: Generationenbeziehungen, Überlieferungszusammenhänge, Bildungskonzepte, Vergangenheits- und Zukunftsorientierungen. Sie wurden am ZfL in einer Reihe von Vorgängerprojekten untersucht, u.a. zum Konzept der Generation, zu Erbe und Vererbung, Prognostik und Literatur sowie Sicherheit und Zukunft.

Programmförderung BMBF 2017–2019
Leitung: Georg Toepfer