Forschung am ZfL
Wissenschaftliche Zielsetzung und Ortsbestimmung
Die Forschungen am ZfL widmen sich der Theorie und Geschichte von Literatur- und Wissenskulturen in Europa. Sie betreffen, im Unterschied zur sozial- und geschichtswissenschaftlichen Europaforschung, die kulturellen Ausprägungsformen und Praktiken und berücksichtigen dabei historische Ungleichzeitigkeiten und interne Differenzierungen, die aus der Vielfalt unterschiedlicher Sprachen, Literaturen, Religionen und Wissensordnungen in Europa erwachsen. Das Spezifikum einer von der Literaturwissenschaft ausgehenden Kulturforschung ist die Konzentration auf die symbolisch-sprachliche Verfaßtheit von Kultur- und Wissensproduktionen, auf deren Veränderungen aufgrund der Entwicklung von Medien, Zeichensystemen und Disziplinen sowie die regionalen und historischen Unterschiede im Umgang damit. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei jenen kulturellen Bedeutungen, die mit der Selbstreflexivität der Sprache und der Figurativität von Darstellungen zusammenhängen.
Der
historische Index der Forschungen im Archiv europäischer Literatur- und
Wissenskulturen ist die Jetztzeit. D.h. Themen und Forschungsziele
werden durch die Gegenwart vorgegeben, zielen aber auf deren Genese und
Voraussetzungen, um auf diese Weise die präzisere Kenntnis der Tradition
und der historisch-kulturellen Bedingtheit gegenwärtiger Phänomene für
deren problemgerechtere Analyse nutzbar zu machen. Ziel ist weniger die
kurzfristige Bereitstellung von Interpretationswissen denn eine
längerfristig ausgerichtete Grundlagenforschung, die auch die Befragung vorhandener methodisch-theoretischer und begrifflicher Konventionen einschließt.
Um die Grundlagen für die Erforschung der europäischen Kultur(en) zu erarbeiten, werden Forschergruppen
gebildet, in die einerseits vergleichende Kenntnisse aus
unterschiedlichen Philologien (z. Zt. Komparatistik, Germanistik,
Romanistik, Slavistik, Arabistik) und andererseits literatur-, kultur-,
kunst-, medien- und musikwissenschaftliche, religions- und
wissenschaftshistorische sowie philosophische Forschungsperspektiven
eingehen. Insofern ist das Zentrum auch ein Ort zur Erneuerung der
Geisteswissenschaften im Sinne eines weit gefaßten Konzepts von
Kulturforschung mit dem Instrument der Entwicklung multi- und
transdisziplinärer Arbeitsweisen.
Wissenschaftspolitisches Engagement
Die Koordinaten für das Forschungsprofil des Zentrums sind vor allem durch zwei Problemstellungen gegeben:
Erstens die kulturellen Transformationsprozesse, die die Voraussetzungen für die intendierte ›Europäisierung Europas‹ innerhalb einer globalen Weltordnung bilden. Obwohl solche Transformationsprozesse die europäischen Kulturen seit je prägen, sind sie infolge der Katastrophen, Umbrüche und Migrationsbewegungen des vergangenen Jahrhunderts drängender geworden – verschärft noch durch die Verschiebungen der europäischen Topographie nach 1989 und die Ereignisse des 11. September, die – gleichsam schockartig – einen deutlichen Mangel kulturalistischer Deutungen zu Bewusstsein gebracht haben.
Zweitens die Herausforderungen, die von der beschleunigten technologisch-naturwissenschaftlichen Entwicklung, der damit einhergehenden Entstehung neuartiger Symbolsysteme (digitale Kommunikationssysteme, virtuelle Welten, bildgebende Verfahren, informationstheoretische Modelle) und der Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Wissenschaftskulturen ausgehen. Viele der neuartigen Darstellungs- und Erkenntnisweisen sind weder mit den tradierten Begriffen von Text, Bild und Zeichen zu beschreiben, noch fügen sie sich in die gewohnte Einteilung der ›zwei Kulturen‹. Vor allem aber geht das Vermögen zur Analyse der Zusammenhänge, in denen die einzelnen Ergebnisse und Erklärungen stehen, immer mehr verloren.
Von hier ausgehend bestimmt sich die historische und theoretische Arbeit am ZfL. Die transdisziplinäre Anlage zielt dabei auf signifikante blinde Flecken im Feld zwischen den Gegenständen und Aufmerksamkeiten verschiedener Disziplinen. Das betrifft insbesondere das Auseinanderdriften technologischer und kulturalistischer Paradigmen in der Wissenschaft und die allgemeine Vernachlässigung der Bedeutung von Religionskulturen in der Moderne, ferner die in weiten Teilen der Geisteswissenschaften eingeübte Missachtung naturwissenschaftlichen Denkens sowie auf der anderen Seite die mangelnde Reflexion der historisch-kulturellen Voraussetzungen technik- und naturwissenschaftlicher Forschungen. Das ZfL hat die Empfehlung des Wissenschaftsrats für die Geisteswissenschaftlichen Zentren zur Forschung ›in Grenz- und Überschneidungsbereichen mehrerer Wissenschaften‹ dahingehend konkretisiert, dass sein Forschungsfeld durch jene Defizite umschrieben wird, die aus der Technik- und Religionsvergessenheit der Geisteswissenschaften und der Geschichts- und Kulturvergessenheit der Natur- und Technikwissenschaften entstehen. Insofern sind die Forschungskonfigurationen der Einzelprojekte gezielt in epistemischen Spannungsfeldern angesiedelt: an der konfliktreichen Schwelle zwischen natur- und geisteswissenschaftlichen Paradigmen und im Leerraum zwischen der Geschichte von Kulturtechniken und den Ungleichzeitigkeiten von Modernisierung, Säkularisierung und Zivilisation.
Forschungsprofil: Zum Verhältnis von Interdisziplinarität und Fachwissenschaft
Während in der Öffentlichkeit und in den Cultural Studies der Kulturbegriff in jüngster Zeit immer mehr auf Konzepte von ›Identität‹ oder ›Zugehörigkeit‹ eingeengt wurde (mit nicht unproblematischen Effekten gerade für interkulturelle Transformationsprozesse), liegt der Arbeit am ZfL ein Begriff von Kultur zugrunde, der die spezifische Produktion von Wissen und deren Prägung durch epistemische und symbolische, durch religiöse und mediale, durch rhetorische und ästhetische Voraussetzungen in den Blick nimmt und dabei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von literarischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Erkenntnis- und Darstellungsweisen untersucht. Das innovative Potential, das den Kulturwissenschaften als »anspruchsvolles Langzeitgedächtnis der Gesellschaft« (Bundesbericht Forschung 2000) zugeschrieben wird, kann erst freigesetzt werden, wenn diese Funktion nicht allein als Traditionswahrung verstanden wird, sondern als Arbeit am und mit dem Archiv, d.h. als aktiver Umgang mit dem tradierten Wissen, als dessen Vergegenwärtigung angesichts der Fragen, die die Gegenwart stellt.
Im Unterschied zu einem in weiten Teilen der Kulturwissenschaften zu beobachtenden Auseinanderdriften oppositioneller Schulbildungen – hier technisch-mediale, dort kulturanthropologische Ansätze – verknüpfen die Forschungen des Zentrums den doppelten Ursprung des Kulturbegriffs: einerseits poiesis/téchnē, andererseits Kult/Ritus und gehen davon aus, dass die Spannungen, die sich zwischen diesen beiden Polen in der Geschichte entwickelt haben, in der Sprache und in anderen Medien und Symbolsystemen zur Darstellung kommen. Insofern bilden Texte und Bilder als Schauplätze kultureller und epistemischer Verhandlungen das bevorzugte Feld einer philologisch geschulten Kulturwissenschaft.
Das Forschungsprofil der am ZfL betriebenen Literaturforschung definiert sich dabei nicht über den Gegenstand und ist insofern nicht auf die Untersuchung literarischer Textkorpora eingegrenzt. Vielmehr wird es durch die spezifische Erkenntnisweise von Literatur und Philologie bestimmt, mit dem Ziel, das damit verknüpfte tradierte Ensemble von Methoden – wie Rhetorik, Metaphorik/Symbolik, Textkritik, Erzählforschung, Diskursanalyse etc. – für mehr als die Untersuchung geschriebener, poetischer Texte nutzbar zu machen. So ist die Literatur einerseits ein Archiv des kulturellen Gedächtnisses, an dem die imaginäre, intellektuelle und affektive Bearbeitung von historischen Erfahrungen und Veränderungen in den Symbol- und Wissensordnungen studiert werden kann. Darüber hinaus eignet der Literatur in besonderer Weise das geisteswissenschaftliche Vermögen, grenzüberschreitend, dialogisch und integrativ zu sein, und zwar aufgrund ihres intermediären Charakters und ihrer Genese aus der Verknüpfung mit anderen Darstellungs-, Kunst- und Wissensformen. Ist die Ausdifferenzierung eines als Dichtung verstandenen Registers von Texten, ist die Trennung von Fiktion und historischer Erzählung, von Wissenschaft und Poesie erst ein Produkt der Moderne, so verfügt das Archiv der Literaturgeschichte über ein Gedächtnis an die vorausgegangenen Verbindungen – an die Berührungen zwischen Matheisis und Poiesis, an den Ort der Rhetorik im Ensemble der Septem artes liberales oder an den Begriff einer Littérature, die noch in der »Encyclopédie« ganz selbstverständlich den Bereichen von Sciences, Belles-Lettres und Antiquité zugeordnet wurde. Als spezifische Kulturform, in der sich rationale und affektive, faktische und imaginäre Aspekte mischen, ist die Literatur auch als ein Archiv zu nutzen, aus deren besonderem Blick sich die Analogien und Korrespondenzen von Wissenschaften und Künsten erhellen.
Aktuelles Forschungsprogramm
Das aktuelle Forschungsprogramm des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin für die Jahre 2008 bis 2013: Europäische Kultur- und Wissenschaftsgeschichte können Sie hier downloaden bereit.
Organigramm des ZfL
Eine Übersicht über die Forschungsprojekte und die Organisationsstruktur des ZfL erhalten Sie im Organigramm.
Die Leiter der Forschungsbereiche sind neben ihrer Zuständigkeit für die Forschungsprojekte auch für die organisatorischen Belange des ZfL verantwortlich.
- Koordination der wissenschaftlichen Kooperationen: Martin Treml
- Koordination der Buchveröffentlichungen: Daniel Weidner
- Koordination der Lehre: Franziska Thun-Hohenstein
- Koordination der Gastwissenschaftler: Stefan Willer
- Bildredaktion: Uta Kornmeier
- Doktorandenprogramm: Stefan Willer
Honorary Members
Das zehnjährige Bestehen des ZfL war 2006 Anlass, die Kontinuität der engen und fruchtbaren Zusammenarbeit, die sich mit einigen unserer Gastwissenschaftler entwickelt hat, durch eine besondere Form der Kooperation zu würdigen. Mit der Aufnahme international herausragender Wissenschaftler als Honorary Members bringt das ZfL die intellektuelle und wissenschaftliche Verbundenheit mit ihnen zum Ausdruck. Diese Honorary Members haben bereits zuvor an zahlreichen Projekten, Veranstaltungen und Publikationen des ZfL aktiv mitgewirkt und zu ihren eigenen Forschungsvorhaben in Berlin Workshops durchgeführt. Die Ehrenmitgliedschaft bedeutet, dass beide Seiten die Zusammenarbeit auch in Zukunft fortführen und intensivieren werden.
Das ZfL hat folgende Wissenschaftler zu Honorary Members berufen:
- Hans Belting, Kunsthistoriker (Karlsruhe)
- Georges Didi-Huberman, Kunstwissenschaftler und Philosoph (Paris)
- Carlo Ginzburg, Historiker (Pisa)
- Julia Kristeva, Literaturtheoretikerin, Psychoanalytikerin und Schriftstellerin (Paris)
- William J.T. Mitchell, Bildwissenschaftler (Chicago)
- Stéphane Mosès sel. A. (1931–2007), Germanist
- Michail Ryklin, Philosoph (Moskau)
- Irina Scherbakowa, Germanistin (Moskau)
Wissenschaftlicher Beirat
Dem Wissenschaftlichen Beirat des ZfL gehören zur Zeit an:
- Jürgen Fohrmann (Vorsitzender des Beirats), Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Germanistisches Seminar
- Rodolphe Gasché, University at Buffalo, Department of Comparative Literature
- Michael Hagner, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH), Wissenschaftsforschung/ETH Zentrum RAC
- Caroline Jones, Massachusetts Institute of Technology (MIT), History, Theory and Criticism Section, Cambridge, Ma.
- Helmut Lethen (stellv. Vorsitzender des Beirats), IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Wien
- Vivian Liska, Universiteit Antwerpen, Faculteit Letteren and Wijsbegeerte, Departement Letterkunde
- Monika Wagner, Universität Hamburg, Kunstgeschichtliches Seminar


