Literaturtage des ZfL
06.07.2012 – 07.07.2012

Collage, Adaption, Remix, Plagiat. Schreiben unter Einfluss

Ort: Literaturhaus Berlin, Fasanenstr. 23, 10719 Berlin
Organisiert von Anne-Kathrin Reulecke, Ulrike Vedder (HU Berlin)
Kontakt: Stefan Willer

Programm

In Kooperation mit dem Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität und dem Literaturhaus Berlin

 

Freitag, 06.07.2012

14.30–16.30
Lesung Albert Ostermaier, anschl. Gespräch mit Claude Haas (ZfL)
Lesung Kathrin Röggla, anschl. Gespräch mit Ulrike Vedder (HU Berlin)

17.00–19.00
Lesung Ginka Steinwachs, anschl. Gespräch mit Stefan Willer (ZfL)
Lesung Yoko Tawada, anschl. Gespräch mit Irmela Krüger-Fürhoff (ZfL)

20.00
Déjà lu − Einflussangst und geistiges Eigentum
Podiumsgespräch mit Klaus Briegleb, Rainer Dresen, Ursula März, Hinrich Schmidt-Henkel
Moderation: Anne-Kathrin Reulecke (Graz) und Ulrike Vedder (HU Berlin)


Samstag, 07.07.2012

14.00–15.00
Das Wunderkind zwischen Originalgenie und Plagiat. Zur Rezeption von Helene Hegemanns Roman Axolotl Roadkill
Vortrag von Anne-Kathrin Reulecke (Graz)

15.30–17.30
Lesung Barbara Köhler, anschl. Gespräch mit Daniel Weidner (ZfL)
Lesung Ann Cotten, anschl. Gespräch mit Jörg Thomas Richter (ZfL)

18.00–19.00
Lesung Thomas Meinecke, anschl. Gespräch mit Christine Kutschbach (ZfL)

 

Jedes literarische Schreiben ist bekanntlich nicht nur von Ideenreichtum und Originalität geprägt, sondern immer auch von Lesefrüchten, Übersetzungen und Nachdichtungen, von Einflüssen und Auseinandersetzungen mit dem großen Archiv des kulturellen Wissens und der Literatur. In letzter Zeit aber ist der kreative Umgang mit Vorgängern und Vortexten verstärkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Denn zum einen lässt sich beobachten, dass neuere Schreibverfahren, die – oft im Zeichen der neuen Medien – auf Collage, Adaption, Montage oder Remix setzen, in den Texten selbst offensiv thematisiert und reflektiert werden. Zum anderen ist der schillernde Begriff der Intertextualität, der eigentlich das verwickelte Zusammenspiel von Eigenem und Fremdem beim Schreiben markieren soll, des Öfteren instrumentalisiert worden, um Praktiken des Abschreibens und Plagiierens zu nobilitieren.
Vielfältige Möglichkeiten, den vermeintlichen Gegensatz zwischen unbegrenzter Intertextualität und selbstschöpfender Originalität in Bewegung zu versetzen, finden sich in der Literatur selbst. Vor der ›Erfindung‹ von Autorschaft und vor der Konzeptionalisierung des geistigen Eigentums im 18. Jahrhundert galt der Bezug auf Vorgängertexte als eine Form der kreativen Imitatio; und noch moderne ästhetische Verfahrensweisen des Surrealismus und Dadaismus verwendeten Versatzstücke fremder Texte (und Bilder), um die Wirkungen von Lektüren und massenmedial generierten Slogans auf die Dichtung explizit zu markieren. In dieser Tradition stehen auch jene Autoren und Autorinnen der Gegenwart, die ihre Einflussängste und -lüste, ihre Lektüren und Liaisons mit Vorgängertexten ausdrücklich thematisieren.
So begreift Ginka Steinwachs die von ihr neu geschaffenen Gattungen »Montageroman« (so der Untertitel von Marylinparis) oder »Originalkopie« (G-L-Ü-C-K) als Anknüpfen an die historische Avantgarde und den Surrealismus und aktualisiert dabei eingeführte Denkfiguren der europäischen Moderne. Dort setzt auch Ann Cotten an, wenn sie Verse Paul Celans oder Zeilen aus Bob Dylan-Songs wie musikalische Ready-mades in ihre Fremdwörterbuchsonette (2007) integriert. Diese radikale Poesie zwischen Reim und Recycling ergibt sich auch aus Yoko Tawadas experimentellen Erkundungen der Freiräume zwischen literarischen Vorlagen und kulturellen Mustern, z.B. in den Überseezungen-Essays (2002) oder den lyrischen Abenteuern der deutschen Grammatik (2010). Von der Arbeit an der Buchstäblichkeit bis zur übersetzenden Nachdichtung reichen jene Verfahren, die Barbara Köhler für ihre Erforschung des Ordnungssystems der Sprache einsetzt. In Niemands Frau (2007), einer Neuinterpretation der Odyssee aus weiblicher Sicht, entwirft sie ein dichtes Netz aus literarischen, mythologischen, wissenschaftlichen und gegenwartsbezogenen Verweisen. Mit welchen Effekten die großen Erzählungen der Kulturgeschichte von einer Gattung in die andere diffundieren, zeigt auch das Werk Albert Ostermaiers. Während in seinem Drama Vatersprache (2003) das väterliche Erbe als konkreter Nachlass und als sprachliche Altlast verhandelt wird, ist Polar (2006) als Hommage an das französische Kino lesbar, dessen Bilder im gesellschaftlichen Imaginären nachwirken. Kathrin Röggla reflektiert die Vielstimmigkeit pluraler gegenwärtiger Lebensformen und verdichtet sie in virtuosen Versuchsanordnungen zu neuen Bildwelten. In die alarmbereiten (2010) ist der vermeintliche O-Ton derjenigen nachzulesen, die, mit den täglichen Krisen und Ausnahmezuständen konfrontiert, ihre Überwältigung durch eine ständige Disposition zur Alarmbereitschaft auch sprachlich ausweisen. Eine spezifische Gegenwärtigkeit zeichnet auch Thomas Meineckes Romane von Tomboy (1998) bis Lookalikes (2011) aus, die sich an der Technik des Sampling orientieren: Anspruchsvolle Theorien und Diskursfragmente der Kulturindustrie werden zitiert, kopiert und in rhythmisch skandierten Text-Teppichen neu arrangiert.


Übersicht Literaturtage des ZfL der vergangenen Jahre

Medienecho

09.07.2012
Wiederholung, Kopie, Plagiat

Am Berliner Literaturhaus stritt man um Schreiben unter Einfluss. Artikel von Felix Stephan, in: Süddeutsche Zeitung vom 09.07.2012

05.07.2012
Schreib mich ab [PDF]

Symposium »Zwischen Collage, Remix, Plagiat«. Artikel von Gregor Dotzauer, in: Tagesspiegel vom 05.07.2012