Workshop
29.06.2017 – 30.06.2017

Ethischer Idealismus oder charismatische Kulturkritik. Prophetische Politik in der Weimarer Republik

Ort: ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Seminarraum 303
Organisiert von Nitzan Lebovic, Daniel Weidner

1918 warnt Max Weber in »Wissenschaft als Beruf« vor den Kathederpropheten, die neue Heilslehren im Hörsaal verkünden, ein Jahr später betrachtet Hermann Cohen die Propheten als die Begründer der modernen Geschichtsanschauung. Zugleich fordert Karl Jaspers eine Prophetische Philosophie als Erneuerung des Denkens. Gerade zu Anfang der Weimarer Republik treten nicht nur die barfüßigen Propheten (Ulrich Linse), Heilslehrer und Inflationsapostel auf, sondern Prophetie wird auch zu einem wichtigen Modell intellektueller Politik: Die Renaissance des Messianismus in der Weimarer Republik ist auch eine Renaissance des prophetischen Charismas, das prädestiniert zu sein scheint, um die prekär gewordene politische Autorität auszudrücken. Denn ob der Prophet als Revolutionär oder als Reformator auftritt, er verkörpert in diesen Diskursen radikale moralisch-politische wie epistemische Ansprüche jenseits der Legitimität der überlieferten politischen Institutionen.

Die Faszination der Prophetie hat dabei bereits eine längere Geschichte politischer und vor allem konfessioneller Verwerfungen. Bereits in der Diskussion über Adolf von Harnacks »Das Wesen des Christentums« (1900) war die Figur des prophetischen Lehrers und Verkündigers als religiöses, kulturelles und politisches Modell aufgerufen worden, und zwar sowohl vom hegemonialen protestantischen Diskurs wie auch von den Verteidigern der von Harnack als bloßem Legalismus abqualifizierten jüdischen Religion. Dabei vermischen sich die Diskurse auf vielfältige Weise: Wo Jesus seitens der Protestanten vor allem als moralischer Lehrer dargestellt wird, werden in jüdischen Diskursen die Propheten als stellvertretend Leidende figuriert. Weil der Prophet und die Propheten dabei immer an der Grenze von innerlichem Gewissen und politischer Aktion situiert werden, wird die Prophetie zum Austragungsort für eine synkretistische und zugleich höchst komplexe Auseinandersetzung von biblischer Tradition und aktueller Politik. Diese setzt sich in den Weimarer Jahren fort, etwa in der Debatte zwischen Hermann Cohen und Ernst Troeltsch über die Deutung der Prophetie, in der Auseinandersetzung mit der protestantischen Exegese und der dialektischen Theologie etwa bei Max Wiener oder in Martin Bubers Entwurf einer charismatischen Tradition in »Königtum Gottes« (1936). Dabei strahlen diese Auseinandersetzungen weit in die Öffentlichkeit aus und werden auch von zahlreichen literarische Adaptionen prophetischen Sprechens begleitet.

Die untersuchten Diskurse über eine prophetische Politik sind aktuell im Zeichen eines neu erwachten Interesses über den Zusammenhang von Politik und Religion von hoher Relevanz. Denn sie stellen eine Alternative gegenüber der bis heute dominierenden Linie der mit Carl Schmitt gedachten ›Politischen Theologie‹ dar: Sie zeigen, dass religiöse Rhetorik nicht nur im Namen von Herrschaft und Ordnung, sondern auch von Recht und Widerstand mobilisiert werden kann, und dass dies nicht nur im Gestus dogmatischen Dekretierens geschehen muss, sondern auch den Charakter einer riskanten rhetorischen Performanz haben kann.

Der Workshop stellt den Auftakt eines transatlantischen Kooperationsprojektes zur prophetischen Politik dar, das die Geschichte dieser Figur im 20. Jahrhundert nachzeichnen soll. Denn die Figuren des Prophetischen aus der Weimarer Zeit werden durch ihre Rezeption noch erheblich komplexer: Sie wandern mit exilierten Intellektuellen wie Martin Buber oder Paul Tillich in ganz andere Kontexte, wo sie mehrfach transformiert und umformuliert werden, wenn sie etwa mit der ganz anders gelagerten Tradition einer ›American Prophecy‹ zusammentreffen. Eine Reihe von Workshops und Fallstudien soll dieses Feld untersuchen; ein zweiter Workshop findet im September 2017 in New York statt.