Call for Papers: Kritik und Kultur. Perspektiven in den Kulturwissenschaften
Annual Conference of the Kulturwissenschaftliche Gesellschaft
16–19 Sep 2026, Berlin
Organisatorinnen: Prof. Dr. Eva Geulen, Dr. Carolyn Iselt, PD Dr. Britta Lange, Dr. Sarah Schmidt
In den aktuellen Zeiten verschärfter Krisenrhetoriken tritt der Begriff der Kultur erneut auf den Prüfstand. Aufgeladen mit Konnotationen der Zugehörigkeit und Homogenität, wird »Kultur« zunehmend zum Bezugspunkpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um Identität und Differenz. In diesen umkämpften Arenen politisierter Begriffe muss Kultur ihr kritisches Potenzial für zeitdiagnostische Analysen neu bestimmen. Was kann »Kultur« noch sein, noch versprechen, noch widerlegen? Was kann Kulturwissenschaft, was können die Kulturwissenschaften zu dieser Diskussion aus einer Position der Kritik beitragen?
Die 11. Jahrestagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft (KWG) wird sich im Jahr 2026 unter dem Thema »Kritik & Kultur« mit drei großen Feldern auseinandersetzen, die gegenwärtige Debatten sowohl in der Wissenschaft als auch in der Zivilgesellschaft beschäftigen: 1. der Ökologie, die sich angesichts des Klimawandels, des Verlusts der Biodiversität und globaler Ernährungsungerechtigkeit mehr denn je den dringenden Fragen nach dem Verhältnis von Naturen und Kulturen, von Mensch und Umwelt stellen muss; 2. der Ökonomie, die wirtschaftliche und damit verknüpfte soziale Phänomene zu erklären und zu deuten hat und 3. der Ästhetik, die als philosophische wie historische Disziplin herausgefordert wird und neue Fragestellungen wie die des ästhetischen Kapitalismus und der postkolonialen Spannungsverhältnisse ausbildet. In den drei Fragenkomplexen von der Ökologie über die Ökonomie hin zur Ästhetik steht der Kulturbegriff erneut auf dem Spiel und soll in seiner kritischen Wirksamkeit entfaltet werden. Alle drei Themenbereiche lassen sich durch zusätzliche Perspektiven miteinander verknüpfen, sind sie doch von den Implikationen sowie Folgen der Digitalisierung und von den vielfältigen Debatten um Identitäten geprägt; Spannungsverhältnisse von Globalität versus Lokalität und Majoritäten versus Minoritäten durchziehen nicht nur gesellschaftliche Wirklichkeiten, sondern fordern auch die Methoden und Ansätze kulturwissenschaftlicher Theoriebildungen – gerade an den Schnittstellen und Rändern – heraus.
Ökologie
Durch die Corona-Pandemie und durch neue, langanhaltende Kriege (Russland/Ukraine, Sudan, Nahost) sind die lebensbedrohlichen Folgen des Klimawandels in den politischen Debatten in den Hintergrund gerückt. Jedoch hängen das Entstehen von Seuchen und Kriegen mit sich immer weiter verschärfenden Kämpfen um knappe Ressourcen, also mit ökologischen Fragen, dem Umgang mit Lebewesen und der zunehmenden Umweltzerstörung, zusammen. Die westlich-kapitalistische Lebensweise drängte aus ihrer eigenen Logik heraus dahin, zu expandieren und sich zu globalisieren. Damit gehen Veränderungen von Lebensräumen und Lebensweisen einher, die die Zerstörung kultureller Vielfalt zur Folge haben und Fragen der Verteilung globaler Verantwortlichkeiten hervorrufen. Die ökologischen Effekte und Konsequenzen globaler Marktlogiken zeigen sich besonders dort, wo das Verursacherprinzip nicht gilt: Unter den Folgen der Klimakatastrophe leiden vor allem Gruppen und Regionen, die für das Entstehen von Dürre, Überschwemmungen und anderen umweltlichen Folgen nicht verantwortlich sind. Vor dem Hintergrund der sich hier immer drastischer zeigenden Reziprozität von Umwelt und Kultur und der Verschärfung sozialer Ungerechtigkeiten stellt sich die drängende Frage, wie das Verhältnis von Kultur und Natur neu zu bestimmen ist, um Kritik am globalen status quo zu üben. Dies involviert nicht nur eine Reflexion über ansteigende Konflikte zwischen minoritären und majoritären Identitäten, sondern braucht auch neue Formen des Denkens, um in einer vernetzten Welt zu bestehen.
Ökonomie
Ein sich immer weiter aufbrauchendes Wachstum zerstört die materiellen Grundlagen menschlicher Lebensweisen. Jedoch vor dem Hintergrund der Marxschen Bestimmung des Kapitalismus als eines automatischen Subjekts, das die Bedingungen seiner eigenen Selbsterhaltung setzt, wäre zu untersuchen, inwiefern der Kapitalismus durch Fragen der Nachhaltigkeit über sich selbst hinausgetrieben wird in andere Produktionsweisen. Auch aus diesem Grund gilt es, die enge Verbindung zwischen Ökologie und Ökonomie aus kulturwissenschaftlicher und philosophischer Perspektive erneut zu ergründen: Wie bestimmt die Ausweitung des Marktes nicht nur räumlich gesellschaftliche Lebensweisen, sondern auch in Form kultureller Normen und Praktiken unser alltägliches Wahrnehmen, Denken und Handeln? Wie wirkt sich diese Vereinnahmung auf die Möglichkeit von Kritik aus? Was leistet der Kulturbegriff, um die komplexen Beziehungen von Ökonomie, Umwelt und Mensch zu denken? Welche Formen der materiellen Analysen und eines disziplin- und grenzüberschreitenden Denkens braucht es, um die kulturellen Dimensionen wirtschaftlichen Handelns angesichts der dringlichen Herausforderungen menschlichen Lebens für eine nachhaltige Lebensweise zu verstehen?
Ästhetik
An der Schnittstelle von Ökonomie und Ästhetik steht der Prozess des Wahrnehmens hinsichtlich seiner gesellschaftlichen bzw. politischen Implikationen im Mittelpunkt. Was Wahrnehmung in uns auslöst, ist zunächst ein genuin ästhetischer Prozess. Doch wie Ästhetisches, das so stark mit der Sinnlichkeit verknüpft, zu beurteilen ist, wird nicht nur durch unseren Erkenntnis- und Sinnesapparat bestimmt, sondern ist immer auch kulturell bedingt. Damit stellt sich die Frage, von welchem Standpunkt aus wir darüber nachdenken, was unser Wahrnehmen determiniert, und wie wir dazu in der Lage sind, es kritisch zu hinterfragen. Angesichts des ubiquitären Einsatzes ästhetischer Mittel zwecks ökonomischer Vermarktungsstrategien wäre insbesondere zu fragen, ob dabei nur noch bloße Reize angesprochen werden. Kunst sollte die ästhetischen Mittel, mit denen Individuum und Gesellschaft auseinandergesetzt werden, bereitstellen. Dabei stehen gleichermaßen die Fragen geschlechtlicher wie kultureller Identitäten auf der Tagesordnung. Doch ist Kunst als Form der Erhebung über das Unmittelbare überhaupt noch möglich und zugänglich? Was bedeutet der Fortschritt des Digitalen, zumal der Künstlichen Intelligenz, für die Kunst als Reflexionsmedium? Bleibt die Kunst Zweck an sich, wenn sie zunehmend auf den Markt angewiesen ist? In der Entstehung der globalen Vernetzung entstand auch der Kontakt zu Kunst- oder Kultgegenständen anderer, die durch ihre Neuartigkeit ihre Wirkung entfalteten. Ebenso wie Lebensräume wurden auch diese Werke angeeignet. Wie gingen und gehen wir mit diesen Reflexionsmedien um? Wie rezipierten und rezipieren wir Werke, Vorstellungen und Identitäten anderer?
Die Jahrestagung »Kritik und Kultur. Perspektiven in den Kulturwissenschaften« findet vom 16.–19. September 2026 in Berlin statt und wird in einer Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und des ZfL organisiert.
Wir laden Kulturwissenschaftler*innen ein, zu diesen Themenkomplex ihre eigenen Forschungen und Ansätze vorzustellen und in die Diskussion einzubringen. Wir begrüßen ausdrücklich Bewerbungen von Studierenden und Forschenden in allen Karrierestufen. Für Bewerbungen und Teilnahme an der Jahrestagung ist keine Mitgliedschaft der KWG erforderlich.
Bewerbungen können auf Deutsch oder Englisch bei Carolyn Iselt auf folgende E-Mail- Adresse eingereicht werden: carolyn.iselt@bbaw.de
Jede Bewerbung (für einen Einzelvortrag, ein Panel) muss folgende Informationen enthalten und als eine PDF-Datei geschickt werden (Name_KWG_Tagung26):
- Einzelbeiträge: Vorschlag (max. 250 Wörter) und eine kurze biographische Notiz.
- Panels und andere kollektive Formate: Vorschlag (kurze Panelbeschreibung, max. 200 Wörter pro Vortrag oder bis 400 Wörter insgesamt bei Formaten ohne Einzelbeiträge) sowie eine kurze biographische Notiz aller Teilnehmenden.
- Für alle Beitragsarten: bitte bis zu 5 Keywords angeben.
Wir begrüßen ausdrücklich, neben den üblichen Formaten des Vortrags auch neue, innovative Formate der Forschung, Zusammenarbeit und Vermittlung einzubringen. Die Bewerbungsfrist endet am 28. Februar 2026.
Bitte beachten Sie, dass die KWG keine Reise- und Hotelkosten übernehmen kann. Im Einzelfall ist jedoch eine anteilige Förderung der Teilnahme möglich, wenn keine Möglichkeiten der Finanzierung durch Dritte bestehen. In diesem Fall bitten wir, sich direkt an den Vorstand der KWG zu wenden. Bei Fragen steht Ihnen das Organisationsteam zur Verfügung.