ZfL INFO 31/2026: Call for Papers: Benjamins Tiere. Figurationen des Animalischen
Benjamins Tiere. Figurationen des Animalischen
Workshop, 3.–4.12.2026, Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (Berlin)
Organisation: Daniel Gönitzer (Universität Wien) & Melanie Konrad (Wien)
Der Workshop wird aus Mitteln des »Walter Benjamin Förderpreises für junge Forschende« finanziert und vom Walter Benjamin Archiv (Berlin), dem Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (Berlin) und der International Walter Benjamin Society unterstützt.
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Es existiert nur eine einzige Fotografie von Walter Benjamin mit einem Tier – sie zeigt ihn 1896 in Heringsdorf, als Vierjährigen auf einem Esel –, doch in seinen Texten tauchen Tiere mit überraschender Beständigkeit und in großer Vielfalt auf. Sie erscheinen als Spielgefährten der Kindheit, als hybride Wesen an den Schwellen menschlicher Identität, Wahrnehmung und Vorstellungskraft, als ironische Gegenbilder zum technischen Fortschritt, als Medienfiguren und als melancholische Begleiter des historischen Bewusstseins. Trotz dieser Fülle wurde Benjamins Auseinandersetzung mit dem Animalischen bislang nicht als zusammenhängendes Themenfeld erschlossen. Der Workshop nimmt sich zum Ziel, die Figuren, Konstellationen und Denkbewegungen des Animalischen erstmals systematisch in den Blick zu nehmen und die Rolle des Tieres als epistemologische und poetologische Denkfigur bei Benjamin auszuloten.
Benjamins frühe Beobachtung, dass Kinder sich weit stärker zu sprechenden und handelnden Tieren hingezogen fühlen als zu moralisierenden Texten, verweist auf eine Wissensform jenseits didaktischer Disziplinierung. Von Bertuchs Bilderbuch für Kinder über Benjamins Kinderliteraturstudien bis hin zu seinen Radioarbeiten zeigt sich: Tiere sind Vermittler spielerischer Erkenntnis. In der Berliner Kindheit markieren Schmetterlinge, Hunde oder der Fischotter Schwellen der Wahrnehmung, Orte der Verunsicherung und produktiven Irritation, in denen Objektwelt, Fantasie und Erfahrung ineinander übergehen.
Tierfiguren treten andernorts außerdem als Agenten einer kritischen Sensibilität auf. Im Kurzprosa-Band Einbahnstraße spricht Benjamin vom »dunklen Trieb« der Tiere, in Gefahr Fluchtwege aufzuspüren. Dieses Bild dient ihm als Gegenentwurf zu rationalisierter Wahrnehmung und als Metapher widerständiger Geistesgegenwart. Besonders aufschlussreich sind Benjamins Begegnungen mit hybriden Wesen, die die Grenze zwischen Mensch und Tier durchlässig machen. Die exzentrischen Tier-Mensch-Figuren J. J. Grandvilles oder die entstellten Kreaturen Franz Kafkas unterlaufen stabile Identitätsbegriffe und modellieren Verwandlung als Denkform.
Auch Benjamins Beschäftigung mit Tieren im zeitgenössischen Medienverbund verdient besondere Aufmerksamkeit: von den Zootieren, die durch Kasperls Übersetzungsarbeit im Rundfunk ›sprechend‹ werden, bis zu den frühen Micky-Maus-Cartoons. In der Entgrenzung von Körpern erkennt Benjamin sowohl die zerstörerische Kraft moderner Technik als auch ihre utopische Komik: die Möglichkeit, das Menschliche zu ironisieren, ohne es zu negieren.
Schließlich erscheinen Tiere im Trauerspiel-Buch in Form der »Saturntiere« als melancholische Allegorie des historischen Prozesses. Sie stehen für das Rätselhafte, das Verhüllte, das Vergessene und damit für Benjamins Auseinandersetzung mit Geschichtlichkeit.
Benjamins Arbeiten sind durchzogen von Tierfiguren, die als epistemische Agenten dienen. Sie strukturieren seine Überlegungen zu Wahrnehmung, Technik, Geschichte und Sprache. Gerade diese Verschränkung von Ästhetik, Anthropologie und Medienreflexion macht ihn zu einem Schlüsselautor für interdisziplinäre Debatten. Animal Studies, Ökokritik und Posthumanismus suchen nach alternativen Modellen von Subjektivität, Relation und Medialität. Benjamin bietet hier – ohne selbst Posthumanist zu sein – theoretische Ressourcen und Begriffe: Kreatürlichkeit, Mimikry, Unterscheidungen zwischen menschlicher und göttlicher Sprache, nichtanthropozentrische Wahrnehmungsmodelle.
Im Workshop soll herausgearbeitet werden, anhand welcher Texte sich diese Überlegungen stützen lassen. Es sollen dabei insbesondere folgende Forschungsfragen verfolgt werden:
- Inwiefern haben Tierfiguren, hat das Animalische bei Benjamin epistemische Funktionen?
- Wie fungieren Tierfiguren als Marker von Spiel, Gefahr, Medialität oder Melancholie?
- Welche Perspektiven öffnen sich durch ein Konzept des Animalischen bei Benjamin für eine gegenwärtige Forschung, die zunehmend mit Animal Studies, Ökokritik, Medienanthropologie und Posthumanismus im Gespräch steht?
Der Workshop ist für 12–15 Personen konzipiert. An beiden Tagen wird es Panels mit Diskussionen, gemeinsame Benjamin-Lektüren und weiteres Programm geben. Um den Werkstattcharakter der Veranstaltung zu gewährleisten, wird der Schwerpunkt auf den gemeinsamen Diskussionen liegen.
Interessierte laden wir dazu ein, Beitragsvorschläge für kurze Vorträge (15–20 Min) in Form einer kurzen thematischen Skizze (ca. 300 Wörter) und ihrer Kurzbio (max. 150 Wörter) bis zum 31. Mai 2026 an daniel.goenitzer@univie.ac.at und melanie.konrad@protonmail.com zu senden.
Vorträge können auf Deutsch oder Englisch gehalten werden, die Arbeitssprache ist Deutsch. Bitte geben Sie in Ihrer Einreichung an, ob Sie Unterstützung bei den Reisekosten benötigen.
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Benjamin’s Animals. Figurations of Animality
Workshop, 3–4 December 2026, Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (Berlin)
Organizers: Daniel Gönitzer (University of Vienna) & Melanie Konrad (Vienna)
The workshop is funded by the “Walter Benjamin Prize for Early Career Researchers” and supported by the Walter Benjamin Archive (Berlin), the Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (Berlin) and the International Walter Benjamin Society.
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While there is only a single photograph that shows Walter Benjamin with an animal, showing the four-year-old riding a donkey in Heringsdorf in 1896, animals appear in his writings with striking persistence and in great variety. They emerge as childhood playmates, as hybrid beings at the thresholds of human identity, perception, and imagination, as ironic counter-images to technological progress, as media figures, and as melancholic companions of historical consciousness. Despite this abundance, Benjamin’s engagement with animality has not yet been mapped as a coherent field. The workshop aims to examine the figures, constellations, and movements of thought connected to animality, and to explore the role of the animal as an epistemological and poetological figure in Benjamin’s work.
Benjamin’s early observation that children are far more drawn to speaking and acting animals than to moralizing texts points to a form of knowledge beyond didactic discipline. From Bertuch’s Bilderbuch für Kinder, through Benjamin’s studies on children’s literature, to his radio work, one thing becomes clear: animals mediate playful cognition. In Berlin Childhood, butterflies, dogs, and otters mark thresholds of perception, sites of uncertainty and productive irritation where the worlds of objects, fantasy, and experience interpenetrate.
Elsewhere, animal figures act as agents of critical sensibility. In One-Way Street, Benjamin speaks of animals’ “dark instinct” for finding escape routes in moments of danger. This image serves as a countermodel to rationalized perception and as a metaphor for a defiant presence of mind. Benjamin’s encounters with hybrid beings, which blur the boundary between human and animal, are particularly revealing. The eccentric animal–human figures of J. J. Grandville and the disfigured creatures of Franz Kafka undermine stable notions of identity and model transformation as a form of thought.
Benjamin’s engagement with animals in contemporary media also deserves special attention, from zoo animals that become “speaking” through Kasperl’s translational work, to early Mickey Mouse cartoons. In the transgression of bodily boundaries, Benjamin discerns both the destructive force of modern technology and its utopian comedy, the possibility of ironizing the human without negating it.
Finally, in The Origin of the German Trauerspiel, animals appear in the form of the “Saturn animals” as a melancholic allegory of the historical process. They represent the enigmatic, the veiled, the forgotten, thus embodying Benjamin’s engagement with historicity.
Benjamin’s writings are full of animal figures that function as epistemic agents. They structure his reflections on perception, technology, history, and language. This interlacing of aesthetics, anthropology, and media reflection makes him a key author for interdisciplinary debates. Animal studies, ecocriticism, and posthumanism all seek alternative models of subjectivity, relationality, and mediality. Benjamin, without being a posthumanist himself, offers theoretical resources and concepts: creatureliness, mimicry, distinctions between human and divine language, non-anthropocentric models of perception.
The workshop seeks to determine whether this line of thought can be substantiated. We invite contributions that address, among others, the following questions:
- In what ways do animal figures, and does animality, fulfill epistemic functions in Benjamin?
- How do animal figures act as markers of play, danger, mediality, or melancholy?
- What perspectives does a concept of animality in Benjamin open up for current research increasingly engaged with animal studies, ecocriticism, media anthropology, and posthumanism?
The workshop is designed for 12–15 participants. Both days will include panel discussions, group readings of Benjamin’s works, and other activities. To ensure the workshop-like atmosphere of the event, the focus will be on group discussions.
Interested individuals are invited to submit proposals for short presentations (15–20 minutes) in the form of a brief thematic outline (approx. 300 words) and a short biography (max. 150 words) by 31 May 2026, to daniel.goenitzer@univie.ac.at and melanie.konrad@protonmail.com.
Presentations can be given in German or English; the working language is German. Please indicate in your submission whether you require support for travel expenses.
Abb. oben: Akademie der Künste, Berlin, Walter Benjamin Archiv, WBA 1498; Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.
