Schwarz-weiß Foto eines kleinen jungen mit Mütze und kurzen Hosen, der am Strand auf einem Esel sitzt. Hinter ihm ist eine Mole zu sehen.
21.04.2026

Call for Papers: Benjamins Tiere. Figurationen des Animalischen

Benjamins Tiere. Figurationen des Animalischen

Workshop, 3.–4.12.2026, Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (Berlin)

Organisation: Daniel Gönitzer (Universität Wien) & Melanie Konrad (Wien)

Der Workshop wird aus Mitteln des »Walter Benjamin Förderpreises für junge Forschende« finanziert und vom Walter Benjamin Archiv (Berlin), dem Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (Berlin) und der International Walter Benjamin Society unterstützt.

Es existiert nur eine einzige Fotografie von Walter Benjamin mit einem Tier – sie zeigt ihn 1896 in Heringsdorf, als Vierjährigen auf einem Esel –, doch in seinen Texten tauchen Tiere mit überraschender Beständigkeit und in großer Vielfalt auf. Sie erscheinen als Spielgefährten der Kindheit, als hybride Wesen an den Schwellen menschlicher Identität, Wahrnehmung und Vorstellungskraft, als ironische Gegenbilder zum technischen Fortschritt, als Medienfiguren und als melancholische Begleiter des historischen Bewusstseins. Trotz dieser Fülle wurde Benjamins Auseinandersetzung mit dem Animalischen bislang nicht als zusammenhängendes Themenfeld erschlossen. Der Workshop nimmt sich zum Ziel, die Figuren, Konstellationen und Denkbewegungen des Animalischen erstmals systematisch in den Blick zu nehmen und die Rolle des Tieres als epistemologische und poetologische Denkfigur bei Benjamin auszuloten.

Benjamins frühe Beobachtung, dass Kinder sich weit stärker zu sprechenden und handelnden Tieren hingezogen fühlen als zu moralisierenden Texten, verweist auf eine Wissensform jenseits didaktischer Disziplinierung. Von Bertuchs Bilderbuch für Kinder über Benjamins Kinderliteraturstudien bis hin zu seinen Radioarbeiten zeigt sich: Tiere sind Vermittler spielerischer Erkenntnis. In der Berliner Kindheit markieren Schmetterlinge, Hunde oder der Fischotter Schwellen der Wahrnehmung, Orte der Verunsicherung und produktiven Irritation, in denen Objektwelt, Fantasie und Erfahrung ineinander übergehen.

Tierfiguren treten andernorts außerdem als Agenten einer kritischen Sensibilität auf. Im Kurzprosa-Band Einbahnstraße spricht Benjamin vom »dunklen Trieb« der Tiere, in Gefahr Fluchtwege aufzuspüren. Dieses Bild dient ihm als Gegenentwurf zu rationalisierter Wahrnehmung und als Metapher widerständiger Geistesgegenwart. Besonders aufschlussreich sind Benjamins Begegnungen mit hybriden Wesen, die die Grenze zwischen Mensch und Tier durchlässig machen. Die exzentrischen Tier-Mensch-Figuren J. J. Grandvilles oder die entstellten Kreaturen Franz Kafkas unterlaufen stabile Identitätsbegriffe und modellieren Verwandlung als Denkform.

Auch Benjamins Beschäftigung mit Tieren im zeitgenössischen Medienverbund verdient besondere Aufmerksamkeit: von den Zootieren, die durch Kasperls Übersetzungsarbeit im Rundfunk ›sprechend‹ werden, bis zu den frühen Micky-Maus-Cartoons. In der Entgrenzung von Körpern erkennt Benjamin sowohl die zerstörerische Kraft moderner Technik als auch ihre utopische Komik: die Möglichkeit, das Menschliche zu ironisieren, ohne es zu negieren.

Schließlich erscheinen Tiere im Trauerspiel-Buch in Form der »Saturntiere« als melancholische Allegorie des historischen Prozesses. Sie stehen für das Rätselhafte, das Verhüllte, das Vergessene und damit für Benjamins Auseinandersetzung mit Geschichtlichkeit.

Benjamins Arbeiten sind durchzogen von Tierfiguren, die als epistemische Agenten dienen. Sie strukturieren seine Überlegungen zu Wahrnehmung, Technik, Geschichte und Sprache. Gerade diese Verschränkung von Ästhetik, Anthropologie und Medienreflexion macht ihn zu einem Schlüsselautor für interdisziplinäre Debatten. Animal Studies, Ökokritik und Posthumanismus suchen nach alternativen Modellen von Subjektivität, Relation und Medialität. Benjamin bietet hier – ohne selbst Posthumanist zu sein – theoretische Ressourcen und Begriffe: Kreatürlichkeit, Mimikry, Unterscheidungen zwischen menschlicher und göttlicher Sprache, nichtanthropozentrische Wahrnehmungsmodelle.

Im Workshop soll herausgearbeitet werden, anhand welcher Texte sich diese Überlegungen stützen lassen. Es sollen dabei insbesondere folgende Forschungsfragen verfolgt werden:

  • Inwiefern haben Tierfiguren, hat das Animalische bei Benjamin epistemische Funktionen?
  • Wie fungieren Tierfiguren als Marker von Spiel, Gefahr, Medialität oder Melancholie?
  • Welche Perspektiven öffnen sich durch ein Konzept des Animalischen bei Benjamin für eine gegenwärtige Forschung, die zunehmend mit Animal Studies, Ökokritik, Medienanthropologie und Posthumanismus im Gespräch steht?

Der Workshop ist für 12–15 Personen konzipiert. An beiden Tagen wird es Panels mit Diskussionen, gemeinsame Benjamin-Lektüren und weiteres Programm geben. Um den Werkstattcharakter der Veranstaltung zu gewährleisten, wird der Schwerpunkt auf den gemeinsamen Diskussionen liegen.

Interessierte laden wir dazu ein, Beitragsvorschläge für kurze Vorträge (15–20 Min) in Form einer kurzen thematischen Skizze (ca. 300 Wörter) und ihrer Kurzbio (max. 150 Wörter) bis zum 31. Mai 2026 an daniel.goenitzer@univie.ac.at und melanie.konrad@protonmail.com zu senden.

Vorträge können auf Deutsch oder Englisch gehalten werden, die Arbeitssprache ist Deutsch. Bitte geben Sie in Ihrer Einreichung an, ob Sie Unterstützung bei den Reisekosten benötigen.

 

Abb. oben: Akademie der Künste, Berlin, Walter Benjamin Archiv, WBA 1498; Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.