Workshop
11.11.2022 · 09.00 Uhr

Das Rätsel in der Moderne

Ort: Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 4. Et., Seminarraum 403
Organisiert von Dana Steglich (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz), Eva Stubenrauch (ZfL)
Kontakt: Eva Stubenrauch

Die Hochzeit des Rätsels wird für gewöhnlich im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit verortet. Das Rätsel kursierte dort, wo es gebraucht wurde: beim Wettstreit am Hofe, im Kinderspiel oder in der Geselligkeit der Salons. Mit der Entkopplung von Literatur und Gebrauch im 18. Jahrhundert, so eine in der Rätselforschung einschlägige These, habe das Rätsel an Bedeutung verloren. Nach Ende des Ersten Weltkriegs sei es schließlich irrelevant geworden (Schittek) und habe mit dem Kreuzworträtsel nurmehr seine »nackte Struktur« (Schupp) zurückgelassen.

Der Workshop unterzieht dieses dominante Forschungsnarrativ einer grundlegenden Revision. Angesichts der konstitutiven Funktion des Rätsels für literarische Gattungen des 19. Jahrhunderts (Schauerroman, phantastische Erzählung, Detektivroman), wegen seiner Bedeutung in der Kunst- und Kulturtheorie des 20. Jahrhunderts (von Nietzsche über Plessner bis Adorno) und ausgehend von der Vielzahl an Rätselvarianten in der spätmodernen Unterhaltungs- und Eventkultur (Escape-Rooms, Computerspiele) sollen hier die spezifisch modernen Formen des Rätsels in den Fokus rücken. Anstatt zu verschwinden oder überflüssig zu werden, so die These des Workshops, avancierte das Rätsel zu einem Grundpfeiler moderner Wahrnehmungs- und Sozialformen. Weil es den Status der Realität radikal infrage stellt, provoziert es die Suche nach theoretischen, psychologischen, sozialen und ästhetischen Lösungen und setzt die Selbstvergewisserung der Gesellschaft immer wieder neu in Gang.

In enger Zusammenarbeit einer kleinen Gruppe von Vertreter*innen unterschiedlicher Disziplinen soll dem veralteten Verlustnarrativ Grundlagenforschung zum Rätsel in der Moderne entgegengesetzt werden.

Das Platzkontingent ist begrenzt, wir bitten um vorherige Anmeldung an anmeldung@zfl-berlin.org.

 

Abb. oben: Sam. Quelle: Unsplash.

Programm

9.00

  • Dana Steglich (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz), Eva Stubenrauch (ZfL): Einführung

9.30

  • Doren Wohlleben (Philipps-Universität Marburg): Rätselkonzepte in der Literatur: Von der Antike in die Moderne

10.00

  • Charlotte Coch (Universität zu Köln): Von der Expansion und dem Ungenügen an der kleinen Form. Zum Verhältnis von ›Rätsel‹ und ›Rätselhaftem‹

10.45

  • Dina Bijelic (Humboldt-Universität zu Berlin): Das Rätsel als Denkform religiöser Wahrheit

11.15

  • Oliver Precht (ZfL): Rätsel in der Revolutionsgeschichtsschreibung

11.45

  • Eva Axer (ZfL): »What am I?« – Rätselformen und nicht-menschliche Sprecherpositionen im Gegenwartsroman

13.45

  • Friedrich Balke (Ruhr-Universität Bochum): »6,9 Sekunden Hitze und Licht«. Wirklichkeitsbegriffe und die Rätsel des Dokumentarischen

14.15

  • Johannes Bennke (The Hebrew University of Jerusalem): Krypto-Ikonizität in der Moderne. Medialität und Ästhetik von NFTs

15.00

  • Markus Wiemker (Technische Hochschule Köln): Rätsel im Escape-Room

15.30

  • Melanie Fritsch (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf): Musikalische Rätsel in digitalen Spielen

16.15

  • Materialdiskussion

17.15

  • Dana Steglich (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz), Eva Stubenrauch (ZfL): Abschluss