Neuro-Psychoanalyse und Schmerz. Neurowissenschaft zwischen Natur- und Kulturwissenschaft

Projektbeschreibung

In den Neurowissenschaften wird derzeit eine Verschiebung der Grenze zwischen Natur und Kultur  in zwei Tendenzen sichtbar: Einerseits wird versucht, mit bildgebenden Verfahren die neurophysiologischen Grundlagen kultureller Produktion und ästhetischer Wahrnehmung zu bestimmen, so etwa im Ansatz einer Neuroästhetik (S. Zeki). Andererseits werden vermehrt soziale und kulturelle Dimensionen menschlicher Entwicklung als bedeutsam für das Verständnis der neurophysiologischen Grundlagen des menschlichen Bewusstseins diskutiert, etwa in den »Sozialen Neurowissenschaften« und speziell der »Developmental Social Neuroscience« oder auch der »Cultural Neuroscience«. Diese neueren Richtungen haben die enorme, lebenslange Plastizität des Gehirns sowie dessen körperliche, soziale und kulturelle Eingebettetheit deutlich werden lassen. Damit wird aber auch die methodologisch bedingte Lücke sichtbar, die sich zwischen den unterschiedlichen disziplinären Erklärungsmodellen auftut: zwischen neuronaler Aktivität, subjektivem Erleben und kulturell vorstrukturierten Formen ihres Ausdrucks.
Hierzu kooperiert das Projekt zum einen mit dem Projekt einer Neuropsychoanalyse und engagiert sich in einem um dieses herum entstandenen internationalen Netzwerk für den Dialog zwischen Geistes-/Kulturwissenschaften und Neurowissenschaften, und zum anderen werden in einer Fallstudie zur Schmerzforschung wissensgeschichtliche und epistemologische Voraussetzungen und Hindernisse für den produktiven Austausch zwischen den Disziplinen erarbeitet.

Programmförderung BMBF 2014–2019

Teilprojekte

Neuro-Psychoanalyse

Kooperation: Vanessa Lux (Bochum)

In dem engagierten Projekt einer Neuropsychoanalyse ist aktuell – in Theoriebildung und Praxis – der Versuch zu beobachten, die bestehenden methodischen und erkenntnistheoretischen Lücken durch Dialog, Austausch und Verzahnung der unterschiedlichen Wissensbestände zu überbrücken, wenn nicht zu schließen. In Kooperation mit diesen Bemühungen verfolgt das Projekt die Frage, welche Beiträge philologische, kulturwissenschaftliche und psychologische Ansätze mit ihren spezifischen Expertisen der Analyse von Text, Sprache, Gesten, Bildern und anderen Ausdrucksformen für den intendierten Brückenschlag leisten können. Damit werden die im ZfL-Projekt Freud und die Naturwissenschaften (2008–2010) begonnenen Forschungen und Kooperationen, u.a. mit dem Frankfurter Sigmund-Freud-Institut und der International Neuropsychoanalysis Society, fortgesetzt. Hieraus hat sich ein internationales Netzwerk entwickelt, das seit einigen Jahren einen produktiven Dialog zwischen den Geistes-/Kulturwissenschaften und den Neurowissenschaften organisiert.
Im Fokus des Dialogs stehen: die Rekonstruktion der interdisziplinären Begriffsgeschichte zentraler Begriffe und Konzepte (z.B. Einfühlung/Empathie, Imagination/Simulation, Plastizität) und der jeweiligen epistemologischen Voraussetzungen ihrer disziplinären Verwendung sowie die Explikation des impliziten Wissens der Forschungs- und Therapiepraxis. Ein spezieller Fokus liegt auf dem Spannungsfeld zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Verfahren der Datenerhebung. Diese Spannung zwischen den Epistemen des Deutens und des Messens wird als konstitutiv für das Unternehmen einer Neuro-Psychoanalyse verstanden.
In einem ersten Symposium zu Empathie (Empathy. A neurobiological capacity and its cultural and conceptual history, Januar 2013, Berlin) wurden ausgehend von der Entdeckung der Spiegelneuronen und der neurowissenschaftlichen Empathie-Forschung die vielfältige Begriffs- und Kulturgeschichte der Empathie und des Vorläuferkonzepts der Einfühlung (F. Th. Vischer, R. Vischer, Th. Lipps u.d.) erörtert. Der allgemeinen neuronalen Kapazität zur inneren Simulation beobachteter Handlungen und Intentionen anderer, wie sie durch den Spiegelneuronenmechanismus charakterisiert ist, stehen vielfältige interdisziplinäre Übertragungs- und Übersetzungsprozesse zwischen Ästhetiktheorie, Moralphilosophie, Politischer Theorie, Psychologie, Psychoanalyse und Neurowissenschaften gegenüber, die die moralische Dimension des gegenwärtigen Empathiebegriffs und dessen Assoziation mit Mitgefühl, Mitleid und pro-sozialem Verhalten prägen.
Die Fähigkeit zur inneren Simulation von Handlungen und Intentionen anderer basiert anscheinend auf unmittelbaren »Als-ob«-Konstruktionen, die auf eigene Erfahrungen rekurrieren. In einem zweiten Symposium zu Figuren der Imagination und Simulation (Villa Vigoni-Gespräche 2014: »As-if« – Figures of imagination, simulation, and transposition in the relation to the self, others, and the arts , Juni 2014, Loveno di Menaggio, Italien) wurde daher das reichhaltige geistes- und kulturwissenschaftliche Wissen über solche Als-ob-Konstruktionen und andere Operationen der Imagination, der Simulation, der Fiktion, des Gedankenexperiments, der Imitation, des Mimikry etc. in seiner Bedeutung für die aktuelle psychologische, psychoanalytische und neurowissenschaftliche Forschung zu Intersubjektivität und Embodied Knowledge erkundet.

Schmerzforschung. Fallstudie zum Verhältnis von neurowissenschaftlichen, psychologischen/ psychoanalytischen und klinischen Deutungen

Bearbeitung: Stephanie Eichberg

Mehr als jedes andere Phänomen repräsentiert der Schmerz als körperlich und psychisch erlebte Sinneswahrnehmung die Lücke die sich zwischen den unterschiedlichen Erklärungsmodellen in Wissenschaft und Gesellschaft auftut. Seit der revolutionären Wende in der Schmerzforschung durch die Gate-Control Theorie in den 1960er Jahren, die den  Einfluss von Emotionen und Bewusstsein auf die periphere Schmerzwahrnehmung postulierte, werden zwar psychologische (affektive, emotive und kognitive) und kulturelle Aspekte in das neurophysiologische Schmerzkonzept integriert; auch in der Psychologie und Psychiatrie wird der Schmerz zunehmend als biologisches Phänomen betrachtet, das mit neurowissenschaftlichen Methoden erforscht und manipuliert werden kann. Das dem Individuum jeweils eigene Schmerzerleben wird jedoch deshalb verschiedentlich auf der Basis hirn-anatomischer Lokalisation, neuronaler Aktivität, epigenetischer Disposition einerseits, und dem subjektivem Erleben mit seinen kulturell vorstrukturierten Formen des Ausdrucks und der Konfliktbewältigung andrerseits gedeutet.
Die Schmerzforschung bildet demgemäß keine Einheit, da sich die wissenschaftlichen Praxen ihren jeweils unterschiedlichen Vorstellungen vom Schmerz – von den neuronalen Korrelaten bis hin zu komplexen psychischen Funktionen – auf ebenso unterschiedlichen Analyseebenen annähern, die ihrerseits von vorwissenschaftlichen, d.h. impliziten Annahmen beeinflusst sind. Eine solche Annahme ist z.B. dass das Wissen über den Schmerz als Surrogat für die Erforschung des Bewussten bzw. Unbewussten dienen kann, was in der Psychoanalyse bereits praktiziert, in der Neurophysiologie hingegen noch experimentell erforscht wird. Auseinandersetzungen mit dem paradoxen Phänomen des ›unbewussten Schmerzes‹, das die allgemeine Definition von Schmerz als ›erlebt‹ in Frage stellt, führen ihrerseits zu neuen Konzeptualisierungen von Körper und Bewusstseinsaspekten in den Neurowissenschaften.
Am Beispiel der unterschiedlichen Schmerzkonzepte soll in diesem Projekt der Frage nachgegangen werden, inwieweit eine Annäherung der verschiedenen Wissenspraxen möglich ist und wie sich dies auf den Umgang mit Schmerz im klinischen Kontext auswirkt. Im Vordergrund stehen die historischen Parallelen und Differenzen in der Verhandlung physiologischer und psychologischer bzw. psychoanalytischer Schmerzpraxen die teilweise unabhängig voneinander operieren und divergierende Erklärungsansätze bieten. Diese werden anhand historischer und aktueller Beispiele herausgearbeitet.

Publikationen

Veranstaltungen

Vortrag im Rahmen der Ausstellung »No pain no game«
17.05.2016 · 18.30 Uhr

Stephanie Eichberg: Schmerzgrenzen und Reizschwellen. Wie kann man Schmerz (er)messen?

Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin

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Vortrag
19.06.2014 · 19.00 Uhr

Sigrid Weigel: Spiegelfechtereien. Die Spiegelszene im Zeitalter der Spiegelneuronen

Radisson Blu Scandinavia, Karl-Arnold-Platz 5, 40474 Düsseldorf, Europasaal

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Villa Vigoni-Gespräche 2014 (Internationales Symposium)
03.06.2014 – 06.06.2014

»As-if« – Figures of imagination, simulation, and transposition in the relation to the self, others, and the arts

Villa Vigoni. Deutsch-Italienisches Zentrum, Via Giulio Vigoni 1, 22017 Loveno di Menaggio (CO), Italien

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Symposium
10.01.2013 – 12.01.2013

Empathy. A neurobiological capacity and its cultural and conceptual history

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum

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Podiumsgespräch mit Sigrid Weigel
06.05.2012 · 11.00 Uhr

Mitleid und Empathie

Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden

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Lecture
25.06.2011 · 14.00 Uhr

Sigrid Weigel: Embodied Simulation and the Coding-Problem of Simulation Theory. Interventions from Cultural Sciences

RADIALSYSTEM V, Holzmarktstr. 33, 10243 Berlin

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Vortrag
10.07.2010 · 14.15 Uhr

Sigrid Weigel: Erbschaft und Entstellung. Religionsgeschichte und Psychoanalyse

International Psychoanalytic University Berlin, Stromstr. 2, 10555 Berlin, Hörsaalgebäude

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Medienecho

21.10.2016
Wo tut's denn weh? Vom Sinn des Schmerzes

Radiosendung zum Thema Schmerz, u.a. mit Stephanie Eichberg, in: HR2 Kultur, Sendung: Der Tag vom 21.10.2016

09.05.2016
Schmerzgrenzen und Reizschwellen. Wie kann man Schmerz (er)messen?

Radiointerview mit Stephanie Eichberg, in: RBB Kulturradio, Sendung Wissen vom 09.05.2016, 9.05 Uhr (6:09 min)