Übersetzungen im Wissenstransfer

Projektbeschreibung

Das Projekt erforscht in verschiedenen Untersuchungsanordnungen Transformationen zwischen Sprachen und Wissenskulturen. Ausgehend von der gegenwärtigen Situation einer global kommunizierenden akademischen community werden Ausprägungen der interlingualen Übertragung von Wissen bis in die mehrsprachigen Gelehrtensozietäten im Europa der Frühen Neuzeit zurückverfolgt. Dabei interessiert ›Wissen‹ als sprachgebundener Prozess. Im  Blick auf die polyzentrische Genese der modernen Wissensordnung sind die unterschiedlichen Aspekte sprachlich-epistemischer Übersetzungen zu klären: ihre pragmatischen Voraussetzungen (z.B. Funktion wissenschaftlicher Leitsprachen, Prestigewandel von Fachsprachen, Adressatenwechsel, Popularisierung, situatives Verhalten von Autoren), ihre konkrete Realisierung in einzelnen Transformationsdokumenten (d.h. in mehrsprachigen Textgruppen aus Vorlage/-n und Übersetzung/-en) und ihre sprach- und wissensgeschichtliche Wirkung. Das Projekt zielt nicht zuletzt auf eine angemessene Terminologie zur Beschreibung und Klassifikation von Übersetzungen im Wissenstransfer. Im historischen Längsschnitt ist dabei eine höchst unterschiedliche Gewichtung des Verhältnisses von ›Original‹ und ›Kopie‹ zu veranschlagen. Neben den Wissenssubstanz ›erhaltenden‹ Verfahren wie Repräsentation, Imitation und Inkulturation stehen ›ersetzende‹ Operationen wie Addition, Amplifikation und Kompensation, schließlich auch verschiedene Grade der Reduktion bis hin zur Tilgung einer Vorlage durch ihre Übersetzung.

Schwerpunkt der ersten Projektphase (2014–2016) ist die Dynamisierung von Wissen in lingualen, medialen und kulturellen Transfers der Frühen Neuzeit. Gegenstand ist die Relevanz des Übersetzens für die historische Ausdifferenzierung Europas in Binnensprachgemeinschaften (Nationen) seit etwa 1400. Trotz der Dominanz des Lateinischen als Sprache der Wissenschaft und Gelehrsamkeit wurden Übersetzungen mehr und mehr zur Triebkraft in der spannungsreichen Dynamik zwischen den Sprachen. Ihre Untersuchung ermöglicht einen kontrastiven Akzent zu aktuellen Fragen wissenschaftlicher Mehrsprachigkeit. Dabei lassen sich bestimmte Analogien erkennen, etwa die Orientierung an einem Leitidiom (Latein bzw. Englisch) mit daraus resultierender Diglossie oder die reduzierte Wertigkeit von gelehrter und wissenschaftlicher Urheberschaft (kollektives, anonymes, serielles oder rechtlich ungeschütztes Schreiben). Im Kontrast der Situationen vor und nach der Ära national konnotierter Einsprachigkeit sollen die heutigen Probleme und Herausforderungen wissenschaftlicher Mehrsprachigkeit klarer erkennbar werden.

Ausführliche Beschreibung der Projektphase 2014–2016:
Selbstübersetzung in der Frühen Neuzeit. Moderne Individualität im sprachlichen Wissenstransfer
Bearbeitung: Andreas Keller

Programmförderung BMBF 2014–2016
Leitung: Stefan Willer
Bearbeitung: Andreas Keller

Veranstaltungen

Vortrag
14.12.2016 · 12.00 Uhr

Andreas Keller: ›Weltliteratur‹ in der Frühen Neuzeit: seriöse Untersuchungskategorie oder wohlfeile Rückprojektion eines epochenfremden Begriffs?

Department Germanistik und Komparatistik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Bismarckstraße 1, 91054 Erlangen

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Vortrag
25.02.2016 · 17.45 Uhr

Andreas Keller: »Übersetzungspoetik« statt »Übersetzungsfabrik«. Zur Frage eines ›schöpferischen‹ Transfers antiker Vorlagen bei Johann Gottfried Herder und Johann Jakob Hottinger

FRIAS Freiburg, Albertstr. 19, 79104 Freiburg

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Vortrag
28.01.2016 · 10.00 Uhr

Andreas Keller: Renaissance Nymphs as Go-Betweens in Religious, Territorial and Political Areas of Tension

Cluster of Excellence Religion and Politics, Johannisstr. 1, 48143 Münster, Hörsaalgebäude

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Lecture
29.05.2015 – 30.05.2015

Andreas Keller: Ingenuity in Early Modern German

University of Cambridge

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Tagung
27.11.2014 – 29.11.2014

Selbstübersetzung als Wissenstransfer

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum

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