Unverständlichkeit. Untersuchungen zur Obscuritas in der antiken Rhetorik und in der modernen Literatur und Philosophie (1870–1970)

Projektbeschreibung

Die Kategorie der asapheia oder obscuritas – der Dunkelheit oder Unverständlichkeit der Rede – verweist in der antiken Rhetorik auf einen Ort im rhetorischen System, von dem her sich die Frage nach den Bedingungen der Interpretation, ja überhaupt des Verstehenkönnens der Rede, auf grundsätzliche Weise stellt. Die frühen Rhetorikvorlesungen Nietzsches suchen ebendiesen Ort auf, an dem das Verstehen der Rede problematisch wird, und umreißen damit eine rhetorische Vorgeschichte von Nietzsches späteren interpretationstheoretischen Texten und Notaten, die ihrerseits den Horizont der Hermeneutik-Kritik im 20. Jahrhundert eröffnen. Das Forschungsprojekt folgt dieser Linie und untersucht zum einen die Rede von der Unverständlichkeit mit Blick auf das Moment einer Grundreflexion der hermeneutisch gewendeten Rhetorik (in der antiken Rhetorik und bei Nietzsche), der Hermeneutik und der Hermeneutik-Kritik (bei Heidegger und Adorno), zum anderen aber auch dichtungstheoretische Äußerungen und poetologische Reflexionen zur Frage nach der Dunkelheit (bei Kafka und Celan). Beim späten Nietzsche ebenso wie in Heideggers Hermeneutik und in Adornos Ästhetischer Theorie benennt die Unverständlichkeit dabei auf jeweils spezifische Weise nicht einfach ein Charakteristikum bestimmter (literarischer oder philosophischer) Texte, sondern impliziert grundlegende methodologische Reflexionen, die das Gegenstandsverhältnis, das Verhältnis zum Text, ebenso wie das Selbstverhältnis des Interpreten betreffen und in Frage stellen. Es ist mithin weniger darum zu tun, die Unverständlichkeit als Konstituens der literarischen Moderne erneut zu begründen – gerade diese auf ein bestimmtes Textkorpus bezogene Begründung, wie sie sich in Hugo Friedrichs klassischer Studie zur Struktur der modernen Lyrik ebenso wie in neueren Arbeiten findet, erweist sich etwa bei Celan als revisionsbedürftig; vielmehr sollen die Beweggründe für die theoretische Bestimmung der Unverständlichkeit in Texten der antiken Rhetorik und der philosophischen und literarischen Moderne herausgestellt und hinsichtlich einer rhetorisch, hermeneutisch und ästhetisch informierten Kritik der Interpretation befragt werden.

Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung 2015–2016
Leitung: Felix Christen

Publikationen

Vorträge während des Gastaufenthaltes am ZfL:

  • Manuscript and Meaning: The Hermeneutics of Materiality in Manuscript Editions, Vortrag an der Thirty-Ninth Annual Conference of the German Studies Association in Washington, DC, im Rahmen der Panel Series The Posthermeneutic Turn in Textual Studies, 02.10.2015
  • ›Interpretation‹ und ›Commentar‹. Zwei philologische Begriffe in Nietzsches Philosophie, Workshop (Vortrag und Diskussion) am Department of Germanic Languages and Literatures der Harvard University, 09.10.2015
  • Verstehen und Nicht-Verstehen. Zur Frage nach der Unverständlichkeit in Rhetorik, Literatur und Philosophie, Vortrag an der Universität Stuttgart im Rahmen der Lunch Lectures der Abteilung für Neuere Deutsche Literatur I und II, 18.11.2015
  • Leitung der Arbeitsgruppe zu Friedrich Hölderlins Gedichtentwurf Die Titanen an der 35. Jahrestagung der Hölderlin-Gesellschaft in Bad Homburg v. d. H., 20./21.05.2016


Daraus hervorgehende Publikationen:

  • Zu Begriff und Verfahren des Kommentars bei Nietzsche und Adorno, in: Text/Kritik: Nietzsche und Adorno. Hrsg. von Martin Endres, Axel Pichler und Claus Zittel. Berlin, Boston: De Gruyter 2017 [in Vorbereitung]
  • Treue Schrift. Überlegungen zu Hölderlins Entwurf Die Titanen, in: Hölderlin-Jahrbuch 40 (2016–2017) [in Vorbereitung]

Veranstaltungen

Vortrag
18.11.2015 · 13.00 Uhr

Felix Christen: Verstehen und Nicht-Verstehen. Zur Frage nach der Unverständlichkeit in Rhetorik, Literatur und Philosophie

Universität Stuttgart, Keplerstraße 17, 70174 Stuttgart, Raum 17.11.

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Beiträge