Jahrestagung des ZfL
11.01.2018 – 12.01.2018

Diversität darstellen

Ort: ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum
Kontakt: Birgit Raabe

Diversität ist heute in aller Munde. Das diversity management wird mehr und mehr zum verbindlichen Bestandteil von Organisationsstrukturen; biodiversity wird – in der UN-Dekade der biologischen Vielfalt – zum politischen Schlagwort, das den Schutz von Natur mit ihrer nachhaltigen und gerechten ökonomischen Nutzung zu verbinden trachtet; politisch markiert diversity ein Bewusstsein von der Heterogenität von Gruppenidentitäten und das Bemühen, allen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Genau diese Betonung von Vielfalt auf Kosten der Einheit wurde zuletzt gegen die politische Implementierung von Diversität ins Feld geführt, etwa als im November 2016 die New York Times im Anschluss an die These aufstellte, dass »the fixation on diversity« mitentscheidend für die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gewesen sei. Allerdings sind politische Konzepte und Praktiken von diversity, sofern sie überhaupt je einheitlich waren, schon längst über die Orientierung auf ›race, class, gender‹ hinaus diffundiert. Sie lassen sich sowohl individualistisch im Sinne von Identitätsorientierung als auch sozial im Sinne von Toleranz, Akzeptanz und Kon­vivenz denken. Für die Vereinten Nationen gehören kulturelle und biologische Diversität als regulative Ideen globalen politischen Handelns zusammen (»UN Convention on Biological Diversity«, 1992; »Universal Declaration on Cultural Diversity«, 2001). Diversität scheint also ein hochgradig expansiver Begriff zu sein, der sein jeweils anderes, sein Gegenteil oder Antonym, gewissermaßen an-, wenn nicht gar aufsaugt. Das hängt aufs engste mit der Begriffssemantik selbst zusammen, die zwischen ›Fülle‹, ›Mannigfaltigkeit‹, ›Vielfalt‹ und ›Vielheit‹ changiert, die also immer zugleich aufs Ganze geht und auf irreduzible Unterschiedlichkeit abzielt. Wie aber lässt sich unendliche Differenzierung überhaupt denken, wie lässt sie sich in eine Form begrifflicher Ordnung überführen – und wie lässt sie sich konkret darstellen?

Die Jahrestagung des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung nimmt die aktuellen Auseinandersetzungen um diversity zum Ausgangspunkt für eine vertiefte Betrachtung dieser Darstellungsproblematik. Sie versammelt Vortragende aus Literatur- und Kulturwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte, Kunst, Ökonomie und Erziehungswissenschaft sowie Akteure aus Politik und Hochschule, um den jeweiligen Umgang mit Diversität zu erkunden. Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage der Perspektive: Von welchen Stand- oder Gesichtspunkten aus kann Diversität überhaupt wahrgenommen werden? Lässt sich Vielfalt perspektivisch einheitlich konstruieren? Wie verhält sich Diversität zu Multiperspektivitität (etwa in den Wissenschaften, den Künsten, in Ausstellungspraktiken)? Von großem Interesse sind zudem Fragen der Formen und Formate: Welche Narrative und Paradigmen werden bevorzugt, um Vielfalt zu ordnen (oder Ordnung gerade zu vermeiden)? Wie verhält sich das (enthierarchisierende) Denken des Nebeneinander zur Konzentration auf holistisch orientierte Modelle? Was sagen die Formen und Formate der Darstellung über Diversität als Kategorie der Analyse und/oder des politischen Handelns aus? Und schließlich: Wie entsteht in und aus solchen Darstellungen Diversität als normatives Konzept?

Vortragende:

  • Maisha Auma (Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien/ Institut für Erziehungswissenschaften, HU Berlin)
  • Moritz Baßler (Germanistisches Institut, Universität Münster)
  • Horst Bredekamp (Institut für Kunst- und Bildgeschichte, HU Berlin)
  • Astrid Deuber-Mankowsky (Institut für Medienwissenschaft, Universität Bochum)
  • David Kaldewey (Forum Internationale Wissenschaft, Universität Bonn)
  • Sharon MacDonald (Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin)
  • Jutta Müller-Tamm (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie, FU Berlin)
  • Peter C. Pohl (Institut für Deutsche Philologie, Universität Greifswald)
  • Thomas Potthast (Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, Universität Tübingen)
  • Peter Sloterdijk (Philosoph und Schriftsteller, Karlsruhe)
  • Jürgen Trabant (Romanist, Berlin)