Workshop
18.01.2019 – 19.01.2019

Frühe Poetiken des ›ganzen Menschen‹

Ort: ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Seminarraum 303
Organisiert von Patrick Hohlweck

In der Frühgeschichte der europäischen Aufklärung ist eine Umstellung in der Architektur des Wissens zu beobachten. An die Stelle einer in der Schöpfung angelegten Perfektion des Menschen tritt die Vorstellung seiner Perfektibilität, begleitet von einer neuen Form der Aufmerksamkeit: Leitinstanz der Erforschung und Bestimmung des menschlichen Lebens wird nun die empirische Erforschung der Natur. Damit geht in unterschiedlichen Bereichen eine gesteigerte Aufmerksamkeit für Fragen der Lebensgestaltung und Lebensführung einher. Dabei greifen antike Formen der Selbstbeobachtung, religiöse Vorstellungen leibseelischer Einheit und auf Kategorien wie Glückseligkeit, Sittlichkeit oder andere Formen von Sozialität abzielende Vorstellungen des gelingenden Lebens ineinander mit physiologischen Erwägungen, die – zum Teil im Rückgriff auf vormoderne Wissensbestände – unterschiedliche Konzeptualisierungen des Verhältnisses vom Menschen zu seiner Umwelt hervorbringen.

Gegenüber früheren Tendenzen in der Erforschung des 18. Jahrhunderts haben eine Reihe von wichtigen Forschungsbeiträgen in jüngerer Zeit eher die Durchlässigkeiten zwischen der Frühaufklärung und den folgenden Entwicklungen betont und zugleich konstatiert, dass die ›anthropologische Wende‹ des 18. Jahrhunderts bereits auf dessen erste Hälfte datiert werden muss. Der Workshop will sich den Medien und Formen widmen, die diese Einschätzung legitimieren. Dabei soll die Untersuchung der diskursiven Strategien in den Mittelpunkt gerückt werden, mit denen sich ›um 1700‹ ein unsicheres Wissen von den Wechselwirkungen zwischen somatischen und psychischen Prozessen sowie von den äußeren Grenzen des Menschen formuliert.

Der Begriff der ›Poetiken‹ ist in diesem Zusammenhang absichtsvoll weit. Literarische Formen und ästhetische Erwägungen nehmen zwar eine exponierte Rolle in den genannten Vermittlungsprozessen ein, aber auch außerliterarisch erscheint eine Flut lebenspraktischen Schrifttums (moralische Wochenschriften, philosophische Dialoge, diätetische Unterweisungen), das ein hohes Formbewusstsein mit den Anforderungen eines neuzeitlich-empirischen Weltzugangs vereint. Der Workshop möchte die Anthropologie der Frühaufklärung auf die diskursiven Zusammenhänge befragen, die hier die Wirkmacht der Rede vom ›ganzen Menschen‹ vorbereiten bzw. untersuchen, in welchen Kontexten diese Rede bereits geführt wird. Dabei soll der Verschränkung unterschiedlicher Wissensbereiche durch die Befragung philosophischer, literaturwissenschaftlicher und historischer Perspektiven auf die frühe Aufklärung Rechnung getragen werden.

Programm

Freitag, 18.01.2019 

10.00–10.30

Patrick Hohlweck (ZfL): Begrüßung und Einführung

10.30–11.20
Georg Toepfer (ZfL): Zur Verlustgeschichte des ›ganzen Menschen‹: Die Naturgeschichte des Menschen vor Linné

11.20–12.10
Sean Dyde (Leeds): The Blood of the Lamb

13.30–14.20
Misia Doms (Wien): Ganzheitliche Sprachdidaktik und die Poetik des ganzen Menschen (ca. 1650 bis ca. 1720)

14.20–15.10
Claude Haas (ZfL): Selbstliebe und Lebensführung. Überlegungen zur französischen Moralistik

15.30–16.20
Stefan Willer (Berlin): Conversation und Conduite bei Menantes

16.20–17.10
Stefanie Retzlaff (Greifswald): Probe aufs Exempel und Fall der Krankheit: Selbstbeobachtung in Lebensbeschreibungen um 1730

17.30–19.00 Keynote
Carsten Zelle (Bochum): Anthropoiesis der Frühaufklärung. Diät – Ästhetik – Anthropologie


Samstag, 19.01.2019

10.00–10.50
Patrick Hohlweck (ZfL): Übung. Zeit und Leben um 1700

10.50–11.40
Gabriel Trop (Chapel Hill): Spinoza. Genese des Ästhetischen

13.00–13.50
Torsten Hahn (Köln): Leben und sterben als ‚Kunst‘ (Literatur der ‚Übergangszeit‘ und Empfindsamkeit)

13.50–14.40
Hanna Hamel (ZfL): Der anthropologico-kritische Übergang

15.00–15.30 Abschlussdiskussion