Workshop
28.06.2013 – 29.06.2013

Hermann Brochs Massenwahntheorie

Ort: Fritz Bauer Institut, Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a.M., Grüneburgplatz 1, 60323 Frankfurt a.M.
Organisiert von Daniel Weidner, Birgit R. Erdle (Jerusalem/London)

Programm

Kooperation des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung mit dem Fritz Bauer Institut Frankfurt a.M.

(Stand: 24.06.2013)

Freitag, 28.06.2013

10.00
Birgit R. Erdle/Daniel Weidner: Begrüßung und Einführung

10.30
Endre Kiss (Budapest): Das Schlafwandeln und die Psychologie der Masse(n) (v.a. Massenwahntheorie I.2 u. II.2)

11.30–12.30
Werner Konitzer (Frankfurt a.M.): Massenpsychologie, Theorie der Gefühle und Moral. Zum Verhältnis von Moral und Theorie der Gefühle bei Freud, Broch und in der neueren analytischen Philosophie

14.00
Doren Wohlleben (Augsburg): Brochs ›theoretische Hypertrophie‹ (KW 12, 372) als politische und poetologische Kategorie in der »Massenwahntheorie« (v.a. Massenwahntheorie III.3)

15.00–16.00
Daniel Weidner (ZfL): Kritik der Politischen Theologie. Religiöse Figurationen in »Das Irdisch-Absolute« (III.4, v.a. S.458–459 u. 468–473)

16.30
Lena Foljanty (Frankfurt a.M.): Nachdenken über Recht nach 1945. Hermann Broch und die Rechtsphilosophie der Nachkriegszeit

19.30 Abendvortrag
Paul M. Lützeler (St. Louis): Massenwahn, Menschenrecht, Mystik. Dominante Themen im Gesamtwerk Hermann Brochs
Moderation: Daniel Weidner


Samstag, 29.06.2013

10.00–11.00
Patrick Eiden-Offe (Duisburg-Essen): Phänomenologie des Verfolgers/Phänomenologie des Verfolgten. Brochs Theorie des Antisemitismus (v.a. S. 391–419)

11.00–12.00
Birgit R. Erdle (Jerusalem/London): Zur Figur der Panik. Schreibform und historische Erfahrung (v.a. S.11–42)


Seit 1938, nach seiner Flucht aus Österreich, bis etwa 1948 arbeitete Hermann Broch im amerikanischen Exil an seinem Entwurf zu einer Theorie des Massenwahns. Ausgelöst durch die Schockerfahrung der Novemberpogrome in NS-Deutschland, beginnt Broch, über das Phänomen kollektiver Gewaltakte nachzudenken, zu denen er die Pogrome in Osteuropa ebenso zählt wie Lynchakte gegen Schwarze in den USA. »Unbegreiflich der Ratio, unbegreiflich jedem rational-humanen Denken«, schreibt Broch 1939, habe »plötzlich mit Lynchakten und Pogromen sich der Massenwahn auf das Harmlose gestürzt«, um »es zu vernichten. Was also ist hier geschehen, was geschieht hier?« Das ist die Frage, die Brochs Massenwahntheorie umtreibt. Bezieht sich sein Entwurf zunächst auf die Gewaltakte der Pogrome, so ist er nach 1945 um die Gewalt in den Konzentrations- und Vernichtungslagern zentriert, die bei Broch nicht von der Tortur, sondern von der Versklavung her gedacht wird. In den Vordergrund rückt nun die Diskussion um Rechtsvorstellungen, nachdem das Naturrecht sich als, so Broch, »potato mash« erwiesen hat, auf das sich nichts mehr gründen lässt.
Die Tagung fragt nach dem Unabgegoltenen des Denkens in den Entwürfen, Plänen, Forschungsanträgen und Einzelstudien Brochs, die erst 1979, lange nach seinem Tod, aus dem Nachlass publiziert wurden. Die Denkanstrengung, von der die dort versammelten Texte zeugen, ist ein Versuch, die zeitgeschichtliche Erfahrung der Verfolgung zu bearbeiten, zieht aber zugleich weite Kreise. Auf höchst idiosynkratische Weise verbindet Broch dabei eine sozialpsychologische Theorie der Ansteckungen mit soziologischen Konzeptionen der Exklusion, die philosophische und anthropologische Grundlegung der Politik mit konkreten Handreichungen im Kampf gegen den Nationalsozialismus, theologische Spekulationen über Ethik und Menschenopfer mit ökonomischen Analysen der Weltwirtschaft. Dabei gerät er mehr als einmal in unheimliche Nähe zu seinem Gegenstand und schreckt auch vor prekären Schlagworten wie der Forderung nach einer »demokratischen Propaganda« und einer »totalitären Demokratie« nicht zurück.

Medienecho

28.06.2013
Demokratische Propaganda? Symposium über Hermann Brochs Massenwahn-Theorie [MP3]

Radiobeitrag mit Daniel Weidner, in: Deutschlandradio Kultur, Sendung Fazit vom 28.06.2013, 23.37 Uhr