Buchvorstellung
10.07.2008 · 22.30 Uhr

Kunst im Zeichen der Technik

Ort: Buchhandlung pro qm, Almstadtstr. 48-50, 10119 Berlin-Mitte
Organisiert von Margarete Vöhringer, Birgit Schneider
Kontakt: Margarete Vöhringer

Programm

Birgit Schneider
Textiles Prozessieren. Eine Mediengeschichte der Lochkartenweberei
Zürich/Berlin: Diaphanes 2007

Fädenziehen im Maschinenraum des Bildes
Das zentrale Prinzip der frühen Informationsverarbeitung mittels Lochkarten entstand aus einem Kunsthandwerk, nämlich aus der Seidenweberei. »Die ersten Bilder, die von ihrem Bildkörper abgelöst wurden, um als Bildcode verarbeitet zu werden, waren Gewebe. Der Bildcode bestand aus einem Stapel gelochter Karten für die Verwendung im Steuerungs- mechanismus eines Webstuhls und war hier noch begreifbar: das Bild, wenn es aus dem Stapel dieser Karten gewoben wurde, war ein textil-taktiles Produkt.«
Im Nachzeichnen einer Historiographie der Lochkarte gelangt die Autorin an einen Quellpunkt der Digitalisierung: Im Kontext der Höfe und insbesondere des absolutistischen französischen Hofes begann die Geschichte von Automatenbau, Kybernetik und Steuerung, zu deren Hauptprotagonisten die Musterweberei zählte. Weshalb gerade diesem Handwerk diese Rolle zukam, ist bislang noch nicht zum Gegenstand systematischer Erforschung geworden. Der reich bebilderte Band zeigt sowohl die technokulturellen Kontexte wie auch die ideengeschichtlichen Bedingungen elektronischer Bilder.
»Die Weberei steht für tieferliegende Schichten der Wechselwirkungen zwischen Künsten und Medien, ist sie doch von einer speziellen, unauflösbaren Verschränktheit von Kunst und Technik bestimmt.«
Weitere Informationen

 

Margarete Vöhringer
Avantgarde und Psychotechnik. Wissenschaft, Kunst und Technik der Wahrnehmungsexperimente in der frühen Sowjetunion
Göttingen: Wallstein-Verlag 2007

Das Leben als Experiment: Die Wechselwirkung von Psychologie, Politik und Kunst in der Sowjetunion der 20er Jahre.
Zum 90. Jubiläum der sozialistischen Oktoberrevolution wagt Margarete Vöhringer einen neuen Blick auf die darauf folgenden 20er Jahre. Statt die Umwälzung der Machtverhältnisse in Russland entlang von ideologischen Debatten zu beschreiben, geht sie einer noch wenig bekannten, folgenreichen Verbindung nach: Avantgarde und Psychotechnik. Sie richtet dabei ihr Augenmerk auf die Praktiken der Künstler und Wissenschaftler, die diesen beiden Bereichen angehörten, vergleicht ihre Labore und Werkstätten, Apparate und Experimente: Das Experiment der Moderne war mehr als bloße Utopie, es war unerschrockene Praxis.
Die drei wichtigsten Protagonisten dieser Studie gelten bislang als geheime Hauptfiguren der Avantgarde: der Architekt Nikolaj Ladovskij, der in seinem »Psychotechnischen Labor für Architektur« eine Reihe von Wahrnehmungsapparaten baute; der Filmemacher Vsevolod Pudovkin, der in Ivan Pavlovs Labor einen Film drehte und dabei nicht nur mit Tieren experimentierte; der Philosoph Aleksandr Bogdanov, der kollektive Bluttransfusionen durchführte, um psychisch erkrankte Arbeiter zu heilen. Ergänzt werden ihre außergewöhnlichen Experimente durch Bezüge zu den viel berühmteren Kollegen Vassily Kandinsky, Le Corbusier, Vladimir Tatlin, El Lissitzky und Dziga Vertov.
Die so unterschiedlich scheinenden Ansätze zeugen alle von einer Experimentalkultur, die ganz alltägliche Mittel fand, Menschen miteinander in Verbindung zu setzen, ihre Gedanken in Einklang zu bringen, sie zu einem Kollektiv zu vereinen. In der frühen Phase des Sozialismus offenbart sich, wie subtil Macht jenseits der Staatsapparate wirken kann - in Kunst, Erziehung, Unterhaltung und Fortbewegung. Im Design und Personalmanagement sind die Folgeerscheinungen dieser Psychotechniken der Künste bis in die heutige Zeit auch außerhalb Russlands, vor allem in den Industrieländern, anzutreffen. Wie viel ihre Ästhetik einem untergegangenen Gesellschaftssystem und einer radikalen Kunst verdankt, das zeigt diese umfassend recherchierte Untersuchung.
Weitere Informationen

Medienecho

04.06.2008
Avantgarde und Psychotechnik

Rezension von Katja Sabisch, in: NTM. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 16 (2008), 2

24.02.2008
Der neue Mensch wird wissenschaftlich konstruiert

In der frühen Sowjetunion versuchten Wissenschaftler wie Künstler, die Wahrnehmung mittels Psychotechnik zu verändern. Rezension von Sabine Richebächer, in: Neue Zürcher Zeitung am Sonntag vom 24.2.2008

06.02.2008
Auf Seelensuche

Rezension von Felix Philipp Ingold, in: Neue Zürcher Zeitung vom 6.2.2008