Workshop
20.05.2003 · 11.00 Uhr

»Vorkrieg Nachkrieg Brecht Müller Schleef«

Ort: ZfL, Jägerstr. 10/11, 10117 Berlin, Raum 01
Organisiert von Wolfgang Storch

Programm

Heiner Müller formulierte als Programm für die Spielzeit 1995/96 am Berliner Ensemble: Brecht / Shakespeare / Müller. Einar Schleef erläuterte: Brecht ist Vorkrieg – Shakespeare ist Krieg – Müller ist Nachkrieg.
Gegenstand der Werkstatt ist der Chor auf der Bühne. Brechts Grundmodell war der Kreuzweg, war die Matthäus-Passion – für sein unvollendetes Stück „Der Untergang des Egoisten Fatzer“, für sein Chorwerk „Die Maßnahme“. Heiner Müllers Arbeit gründete in der griechischen Tragödie. Er antwortete auf „Die Maßnahme“ mit „Mauser“. Er gab dem „Fatzerfragment“ eine Form als Theatertext, eine zweite für ein Hörspiel, eine dritte für seine eigene Inszenierung. Ein einziges Mal versuchte Brecht eine Neuschreibung einer griechischen Tragödie mit der „Antigone des Sophokles“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Heiner Müllers Antwort auf den Bau der Mauer und ihre Konsequenzen war sein „Philoktet“ nach Sophokles – ohne Chor. „Wir erlebten“, schrieb Karl Mickel, „die stummen, mit Lautsprechern beschallten Mai-Demonstrationen: und waren also zum Gebrauch des Chores nicht mehr legitimiert.“ Einer Schleef inszenierte 1986 an einem Abend „Sieben gegen Theben“ von Aischylos und „Die hilfesuchenden Mütter“ von Euripides. Zwei Chöre stellten das Theater der griechischen Tragödie wieder her: Die Mütter aus Argos in Athen, die jungen Frauen in Theben. Eine Chorarbeit, wiedergewonnen aus Nietzsches Werk und ebenso gründend in Bach.
Hölderlin wußte, was griechische Tragödie heißt. Als Mendelssohn-Bartholdy die Matthäus-Passion 1829 wieder aufgeführt hatte, war eine eigene deutsche Form, das Leid aufzufangen, wiedergewonnen. Die Werkstatt soll der Weg von Brecht, Heiner Müller und Einar Schleef zwischen den Vorgaben von Aischylos, Sophokles, Euripides und Bach verfolgen.