Kunst im Zeichen der Technik
Program
Birgit Schneider
Textiles Prozessieren. Eine Mediengeschichte der Lochkartenweberei
Zürich/Berlin: Diaphanes 2007
Fädenziehen im Maschinenraum des Bildes
Das
zentrale Prinzip der frühen Informationsverarbeitung mittels Lochkarten
entstand aus einem Kunsthandwerk, nämlich aus der Seidenweberei. »Die
ersten Bilder, die von ihrem Bildkörper abgelöst wurden, um als Bildcode
verarbeitet zu werden, waren Gewebe. Der Bildcode bestand aus einem
Stapel gelochter Karten für die Verwendung im Steuerungs- mechanismus
eines Webstuhls und war hier noch begreifbar: das Bild, wenn es aus dem
Stapel dieser Karten gewoben wurde, war ein textil-taktiles Produkt.«
Im
Nachzeichnen einer Historiographie der Lochkarte gelangt die Autorin an
einen Quellpunkt der Digitalisierung: Im Kontext der Höfe und
insbesondere des absolutistischen französischen Hofes begann die
Geschichte von Automatenbau, Kybernetik und Steuerung, zu deren
Hauptprotagonisten die Musterweberei zählte. Weshalb gerade diesem
Handwerk diese Rolle zukam, ist bislang noch nicht zum Gegenstand
systematischer Erforschung geworden. Der reich bebilderte Band zeigt
sowohl die technokulturellen Kontexte wie auch die ideengeschichtlichen
Bedingungen elektronischer Bilder.
»Die Weberei steht für
tieferliegende Schichten der Wechselwirkungen zwischen Künsten und
Medien, ist sie doch von einer speziellen, unauflösbaren Verschränktheit
von Kunst und Technik bestimmt.«
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Margarete Vöhringer
Avantgarde und Psychotechnik. Wissenschaft, Kunst
und Technik der Wahrnehmungsexperimente in der frühen Sowjetunion
Göttingen: Wallstein-Verlag 2007
Das Leben als Experiment: Die Wechselwirkung von Psychologie, Politik und Kunst in der Sowjetunion der 20er Jahre.
Zum
90. Jubiläum der sozialistischen Oktoberrevolution wagt Margarete
Vöhringer einen neuen Blick auf die darauf folgenden 20er Jahre. Statt
die Umwälzung der Machtverhältnisse in Russland entlang von
ideologischen Debatten zu beschreiben, geht sie einer noch wenig
bekannten, folgenreichen Verbindung nach: Avantgarde und Psychotechnik.
Sie richtet dabei ihr Augenmerk auf die Praktiken der Künstler und
Wissenschaftler, die diesen beiden Bereichen angehörten, vergleicht ihre
Labore und Werkstätten, Apparate und Experimente: Das Experiment der
Moderne war mehr als bloße Utopie, es war unerschrockene Praxis.
Die
drei wichtigsten Protagonisten dieser Studie gelten bislang als geheime
Hauptfiguren der Avantgarde: der Architekt Nikolaj Ladovskij, der in
seinem »Psychotechnischen Labor für Architektur« eine Reihe von
Wahrnehmungsapparaten baute; der Filmemacher Vsevolod Pudovkin, der in
Ivan Pavlovs Labor einen Film drehte und dabei nicht nur mit Tieren
experimentierte; der Philosoph Aleksandr Bogdanov, der kollektive
Bluttransfusionen durchführte, um psychisch erkrankte Arbeiter zu
heilen. Ergänzt werden ihre außergewöhnlichen Experimente durch Bezüge
zu den viel berühmteren Kollegen Vassily Kandinsky, Le Corbusier,
Vladimir Tatlin, El Lissitzky und Dziga Vertov.
Die so
unterschiedlich scheinenden Ansätze zeugen alle von einer
Experimentalkultur, die ganz alltägliche Mittel fand, Menschen
miteinander in Verbindung zu setzen, ihre Gedanken in Einklang zu
bringen, sie zu einem Kollektiv zu vereinen. In der frühen Phase des
Sozialismus offenbart sich, wie subtil Macht jenseits der Staatsapparate
wirken kann - in Kunst, Erziehung, Unterhaltung und Fortbewegung. Im
Design und Personalmanagement sind die Folgeerscheinungen dieser
Psychotechniken der Künste bis in die heutige Zeit auch außerhalb
Russlands, vor allem in den Industrieländern, anzutreffen. Wie viel ihre
Ästhetik einem untergegangenen Gesellschaftssystem und einer radikalen
Kunst verdankt, das zeigt diese umfassend recherchierte Untersuchung.
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