»Vorkrieg Nachkrieg Brecht Müller Schleef«
Program
Heiner Müller formulierte als Programm für die Spielzeit 1995/96 am
Berliner Ensemble: Brecht / Shakespeare / Müller. Einar Schleef
erläuterte: Brecht ist Vorkrieg – Shakespeare ist Krieg – Müller ist
Nachkrieg.
Gegenstand der Werkstatt ist der Chor auf der Bühne.
Brechts Grundmodell war der Kreuzweg, war die Matthäus-Passion – für
sein unvollendetes Stück „Der Untergang des Egoisten Fatzer“, für sein
Chorwerk „Die Maßnahme“. Heiner Müllers Arbeit gründete in der
griechischen Tragödie. Er antwortete auf „Die Maßnahme“ mit „Mauser“. Er
gab dem „Fatzerfragment“ eine Form als Theatertext, eine zweite für ein
Hörspiel, eine dritte für seine eigene Inszenierung. Ein einziges Mal
versuchte Brecht eine Neuschreibung einer griechischen Tragödie mit der
„Antigone des Sophokles“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Heiner Müllers
Antwort auf den Bau der Mauer und ihre Konsequenzen war sein „Philoktet“
nach Sophokles – ohne Chor. „Wir erlebten“, schrieb Karl Mickel, „die
stummen, mit Lautsprechern beschallten Mai-Demonstrationen: und waren
also zum Gebrauch des Chores nicht mehr legitimiert.“ Einer Schleef
inszenierte 1986 an einem Abend „Sieben gegen Theben“ von Aischylos und
„Die hilfesuchenden Mütter“ von Euripides. Zwei Chöre stellten das
Theater der griechischen Tragödie wieder her: Die Mütter aus Argos in
Athen, die jungen Frauen in Theben. Eine Chorarbeit, wiedergewonnen aus
Nietzsches Werk und ebenso gründend in Bach.
Hölderlin wußte, was
griechische Tragödie heißt. Als Mendelssohn-Bartholdy die
Matthäus-Passion 1829 wieder aufgeführt hatte, war eine eigene deutsche
Form, das Leid aufzufangen, wiedergewonnen. Die Werkstatt soll der Weg
von Brecht, Heiner Müller und Einar Schleef zwischen den Vorgaben von
Aischylos, Sophokles, Euripides und Bach verfolgen.