Historische Narrative in den Werken sowjetisch-jiddischer Schriftsteller

In den 1920er Jahren entstand in der Sowjetunion eine vom Staat großzügig geförderte neue Literatur in jiddischer Sprache, die sich von der vorrevolutionären von Grund auf zu unterscheiden hatte. Anstelle tradierter ethnisch-religiöser Zugehörigkeiten sollte auf Basis der jiddischen Sprache ein atheistisches jüdisches Selbstverständnis geschaffen werden, das im Sinne des späteren Slogan Stalins »national in der Form, kommunistisch im Inhalt« war. Den Schriftsteller*innen kam die Aufgabe zu, diesem Projekt einer neuen Nationalliteratur in ihren Werken konkrete Gestalt und Überzeugungskraft zu verleihen.

Das Dissertationsprojekt geht der Frage nach, wie sich vor dem Hintergrund politischer und kultureller Umbrüche im Laufe des 20. Jahrhunderts in den Werken der jiddisch-sowjetischen Schriftsteller das Verständnis jüdischer Zugehörigkeit und Geschichte veränderte. Zu untersuchen ist dabei, auf welche Weise angesichts der epochalen Zäsur, die die Oktoberrevolution darstellte, die vorrevolutionäre jüdische Geschichte erzählt wurde. Veranschaulichten die historischen Narrative – im Sinne marxistischer Anschauungen – durchweg den radikalen Bruch mit der Vergangenheit, oder gab es auch andere Entwürfe, die auf Kontinuitäten und Koexistenzen fokussierten? Welche Rolle spielte die Tatsache, dass viele Autor*innen in ihrer Kindheit stark von der traditionellen osteuropäischen jüdischen Lebenswelt und deren Welt- und Geschichtsdeutungen geprägt waren? In welcher Gestalt und Form lassen sich diese Prägungen in den Werken der sowjetisch-jiddischen Autor*innen wiederfinden?

Im Zentrum der Forschung stehen literarische und publizistische Texte, die auf markante historische Umbrüche im 20. Jahrhundert reagieren. Der Begriff des ›Historischen‹ bezieht sich dabei sowohl auf in der Vergangenheit lokalisierte Narrative als auch auf Geschichtsentwürfe und Beschreibungen der sowjetischen Gegenwart. Diese Lesarten konnten Verschiedenes enthalten: offizielle politische wie auch archetypische Erklärungsmodelle, eine messianische Heilserwartung oder auch tief verwurzelte Erinnerungen an die eigene Verfolgungsgeschichte. Häufig bildeten sie das Prisma, mit dem Autor*innen markante Ereignisse betrachteten: den Untergang der Schtetl-Welt, die unvermeidliche Assimilierung, die anfänglich (von den meisten) als Befreiung empfundene Oktoberrevolution, die Pogrome und den Holocaust, oder auch die Hoffnung auf eine räumliche und sprachliche Autonomie in Birobidschan, der Hauptstadt der Jüdischen Autonomen Oblast.

Das Projekt ist Teil des interdisziplinären Forschungsprojekts Das kurze Leben der sowjetisch jiddischen Literatur, einer Kooperation zwischen Leibniz-Insitut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow (DI), ZfL und der Professur für Slavisch-Jüdische Studien der Universität Regensburg.

Leibniz-Kooperative Exzellenz 2020–2023
Leitung: Yfaat Weiss (Projektleitung DI), Matthias Schwartz (wissenschaftlich Verantwortlicher am ZfL)
Bearbeitung: Irina Kissin