Der Klang der Geschichte: Claude Lanzmanns Vorbereitung auf den Film »Shoah«
Die Konferenz Der Klang der Geschichte. Claude Lanzmanns Vorbereitung auf »Shoah« versammelt internationale Forscher*innen aus den Kultur- und Geisteswissenschaften, um diese bislang unbekannten historischen Zeugnisse aus unterschiedlichen Perspektiven und im Dialog der Disziplinen erstmals zu befragen. Über zwei Tage hinweg werden Lanzmanns Filmprojekt, die nicht gefilmten Protagonist*innen, die Recherchen zu Polen und Litauen, die Überschneidungen und Abgrenzungen von Film und Tonaufnahmen sowie die Gespräche mit den NS-Tätern thematisiert.
Mit dem Film Shoah legte der französische Regisseur Claude Lanzmann eine bis heute wegweisende Darstellung des von den Nazis verübten Völkermords an sechs Millionen Jüdinnen und Juden vor. Das neuneinhalbstündige Werk stand am Ende eines 12-jährigen Entstehungsprozesses. Während dieser Zeit reisten Lanzmann und sein Team nach Israel, Polen, Großbritannien und Italien, in die Tschechoslowakei, die USA, die Schweiz und die BRD und führten hunderte Vorgespräche, die vielfach auf Tonband aufgezeichnet wurden. Diese bisher unbekannten Audiomitschnitte vermitteln, mit wie vielen unterschiedlichen Aspekten der Schoa sich der Regisseur beschäftigte, bevor die Vernichtung als Kernthema seines Werks feststand. Gleichzeitig ermöglichen sie einen Einblick in das Erinnern drei Jahrzehnte nach Kriegsende.
Die 152 erhaltenen Magnettonkasseten bilden seit 2022 die Sammlung Lanzmann im Jüdischen Museum Berlin und umfassen etwa 220 Stunden Tonaufzeichnungen in acht Sprachen. Seit 2023 ist dieser Bestand zusammen mit dem Film Shoah in das Register des UNESCO-Weltdokumentenerbes eingetragen.
Informationen zur öffentlichen Abendveranstaltung mit Claude Lanzmanns Mitarbeiterinnen Corinna Coulmas und Irena Steinfeldt-Levy, die im Rahmen der Konferenz am 9. Februar 2026 stattfindet, finden Sie auf der Veranstaltungsseite Das Making-of von Claude Lanzmanns Film »Shoah«.
Programm
Montag, 9.2.2026
9.00 Empfang
9.30 Begrüßung
- S.E. François Delattre (Französische Botschaft), Hetty Berg (Direktorin Jüdisches Museum Berlin), Dominique Lanzmann (Vorsitzende der Claude und Felix Lanzmann Association (A.C.F.L.), Susanne Zepp-Zwirner (Universität Duisburg-Essen), Tamar Lewinsky (Kuratorin für audiovisuelle Medien am Jüdischen Museum Berlin)
10.00 Eine Untersuchung über die Schoa: Die Recherchen
Moderation: Irmela von der Lühe (FU Berlin)
Kommentar: Michael Levine (Rutgers – New Brunswick)
- Jennifer Cazenave (Boston University): »I Can Only Bring That Little Pebble, Claude« – Maria Bobrow and the Making of Shoah
- Nicolas Berg (Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow): »Nobody could expect it« – Claude Lanzmann im Gespräch mit dem Historiker Yitzhak Arad
15.00 Ungehörte Stimmen: Die nicht gefilmten Protagonist*innen
Moderation: Lutz Fiedler (HU Berlin)
Kommentar: Marc Sagnol (Paris)
- Dagi Knellessen (Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow): »It’s really against my feelings.« – Ilana Safrans Absage an Claude Lanzmann
- Sonja Göthel Knopp (Jüdisches Museum Berlin): »Peng, peng! This shooting, ne?« – Lanzmanns Begegnung mit Hermann Friedrich Graebe und die Herausforderungen prekärer Zeugenschaft
16.45 Hinter geschlossenen Türen: Die Täter
Moderation: Anika Reichwald (Jüdisches Museum Berlin)
Kommentar: Annette Weinke (Universität Jena)
- Axel Doßmann (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam): »Ist es unhöflich [...], wenn ich Sie frage, was Sie für ein Landsmann sind?« – Deutsche Ehre, Husten und Lachen des SS-Generals Karl Wolff
- Stefanie Rauch (University College London): »Wir waren keineswegs erfreut darüber, dass da ein Konzentrationslager war« – Kurt Eisfeld und Wilhelm Biedenkopf zur Standortsuche der I.G. Farben in Auschwitz
19.30 Abendveranstaltung – Das Making-of von Claude Lanzmanns Film »Shoah«
Moderation: Daniel Wildmann (Jüdisches Museum Berlin)
- Gespräch mit Corinna Coulmas und Irena Steinfeldt-Levy
Dienstag, 10.2.2026
9.30 Verworfene Ideen: Die nicht veröffentlichten Themen
Kommentar: Jan Gerber (Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow)
Moderation: Elisabeth Gallas (Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow)
- Christoph Dieckmann (Fritz Bauer Institut): Anoushka Freiman im Interview mit Claude Lanzmann, evtl. 1975
- Klaus Hoffmann-Holland (FU Berlin) & Susanne Zepp-Zwirner (Universität Duisburg-Essen): »Hier ist kein Warum.« – Claude Lanzmann im Gespräch mit Gerhart Riegner
11.15 Erkundungen vor Ort: Die erste Polenreise
Kommentar: Ania Szczepanska (Université Paris 1)
Moderation: Kerstin Schoor (Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder))
- Roma Sendyka (Universität Krakau): Bystanders’ testimonies: from ›false witnessing‹ (Felman, Kantarowski) to ›co-witnessing‹ (Głowacka, Piwoński)
- Dariusz Stola (Universität Warschau): Comments on the Recording of Claude Lanzmann’s Conversation with Henryk Woliński
14.15 Überschneidungen und Unterschiede: Audio und Film
Kommentar: Gertrud Koch (FU Berlin)
Moderation: Christina von Braun (HU Berlin)
- Tobias Ebbrecht-Hartmann (Hebrew University of Jerusalem): »Worse than Hitler« – Claude Lanzmann im Gespräch mit Hillel Kook (Peter Bergson) über jüdischen Aktivismus und umstrittene Erinnerung
- Christoph Hesse (ZfL): »Et les cadavres sont tombés sur la route« – Claude Lanzmann im Gespräch mit Leon Kantarowski, einem polnischen Augenzeugen der Vernichtung (Chełmno, 1978)
15.45 Schlusskommentar und Abschlussdiskussion
Kommentar: Kurt Grünberg (Sigmund-Freud-Institut)
Moderation: Susanne Zepp-Zwirner (Universität Duisburg-Essen)