Gegenerzählungen: Dissidenz und Widerstand in Literatur und Geschichte
Protest, Widerstand, Opposition und Gegenwehr gehören zu den prägenden Formen gesellschaftlicher und politischer Artikulation der Moderne – im öffentlichen wie im privaten Raum, durch politisches Handeln ebenso wie durch Kunst, Literatur oder intellektuelle Intervention. Das 20. Jahrhundert mit seinen extremen Gewalterfahrungen und repressiven Diktaturen brachte in Reaktion eine außergewöhnliche Vielfalt dissidenter Haltungen und Praktiken hervor, die angesichts der Krise der europäischen Nachkriegsordnungen heute teils eine neue Aktualität gewinnen. Sie überschreiten nationale Grenzen, verbinden unterschiedliche politische und kulturelle Kontexte und werfen grundlegende Fragen nach individueller Verantwortung oder Handlungsräumen der Zivilgesellschaft, dem Umgang mit Minderheiten und letztlich der staatlichen Verfasstheit selbst auf.
Im Workshop beschäftigen wir uns mit ausgewählten Beispielen dissidenter Positionen und ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen. Im Mittelpunkt stehen dabei Akteurinnen, Texte, künstlerische Arbeiten und historische Konstellationen, die etablierte Narrative in Literatur und Geschichte herausfordern. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Leerstellen und blinden Flecken kollektiver Erinnerung, den Mechanismen von Kanonisierung und Ausschluss sowie der Frage, warum bestimmte Stimmen des Widerspruchs marginalisiert oder vergessen wurden.
»Gegenerzählungen« beschäftigen das ZfL und das DI schon lange. Im Workshop verbinden wir historische, literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, um Dissidenz als vielschichtiges Phänomen zwischen politischem Handeln, ethischer Haltung und kultureller Praxis zu verstehen, nicht zuletzt in seinen Implikationen für die gegenwärtig unter Druck stehenden demokratischen Gesellschaften.
Programm
10.30
Begrüßung und Eröffnung
- Eva Geulen (ZfL), Yfaat Weiss (DI)
- Elisabeth Gallas (DI), Matthias Schwartz (ZfL)
10.45
- Fanny Wehner (ZfL)/Julia Koifman (Universität Potsdam): »Zol er, Pushkin, redn yidish!« – Puschkin im Spiegel jiddischer Übersetzungstheorie und -kritik um 1937
- Jakob Stürmann (IGK Belongings, Universität Leipzig): Der Roman Exodus im samizdat – Ein Schlüsseltext der jüdischen Bewegung in der Sowjetunion
12.15
Ausstellungsrundgang: Was ist eigentlich Dissidenz?
13.45
- Georg Simmerl (ZfL): Reparative Lektüre paranoider Kritik, oder: Ein Gegennarrativ über die documenta fifteen?
- Zarin Aschrafi (DI/Universität Leipzig): Zweifache Dissidenz: Arno Lustigers Historiographie und Erinnerungsarbeit zum jüdischen Widerstand
15.45
- Olga Rosenblum (ZfL): Katyn im Liebesgedicht: Warschauer und Moskauer (Nicht-)Dissidenten auf der Suche zueinander
- Shaul Marmari (DI): Von jüdischem Antifaschismus zu zionistischem Terrorismus: Samuel Weiser und die Hebrew Legion, 1945–1948
17.15
Abschluss