Helmut Müller-Sievers (University of Colorado Boulder): Buddhistische Literaturwissenschaft
Der Buddhismus ist in seinem philosophischen Kern die radikalste Kritik von Fiktion, erstreckt sie sich doch auf das kritisierende Subjekt und letztlich auf sich selbst. Das heißt, dass diese Kritik niemals zu Ende kommen kann, niemals einen Boden der Wahrheit erreicht, auf dem die Fiktionen ruhen. Auch die westliche Literaturwissenschaft versteht sich als eine Kritik der Fiktionen, meist jedoch eingebettet in eine Theorie der Ästhetik oder in eine philosophische Anthropologie. Haben diese beiden Formen der Kritik sich etwas zu sagen? Der Vortrag versucht, die buddhistische Philosophie der Leere zu erläutern und in den Rahmen gegenwärtiger literaturtheoretischer Debatten zu stellen.
Helmut Müller-Sievers ist Professor für Germanistik und Honorarprofessor für Englisch an der University of Colorado Boulder. Von 1990 bis 2009 lehrte er an der Northwestern University und war dort unter anderem Direktor des Kaplan Center for the Humanities. Schwerpunkte seiner Forschung sind die Wechselbeziehungen von Literatur, Wissenschaft und Philosophie sowie die Geschichte der Philologie und Interpretation.
Publikationen (Auswahl):
- The Novel Experience. Reading Fiction with Nāgārjuna, Nietzsche, and William James. Ithaca: Cornell University Press 2025
- Lesen als reine Erfahrung. Inklusion und Diversität im Dialog mit William James. Würzburg: Königshausen & Neumann 2021
- The Science of Literature. Essays on an Incalculable Difference. Berlin/New York: de Gruyter 2015
- The Cylinder. Kinematics of the 19th Century. Berkeley: University of California Press 2012
- Desorientierung: Anatomie und Dichtung bei Georg Büchner. Göttingen: Wallstein 2003
- Self-Generation: Biology, Literature, Philosophy around 1800. Stanford: Stanford University Press 1997
- Epigenesis: Naturphilosophie im Sprachdenken Wilhelm von Humboldts. Paderborn: Schöningh 1994