Table ronde | Diskussionsrunde
07.07.2026 · 18.00 Uhr

La littérature sous emprise ? L’édition, débats actuels et résistances dans le champ littéraire

Ort: Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Eberhard-Lämmert-Saal, Eingang Meierottostr. 8, 10719 Berlin / Livestream
Organisiert von Marie Jacquier, Ulrike Schneider (FU Berlin)

Podiumsdiskussion in französischer Sprache, mit Simultanübersetzung ins Deutsche

Mitwirkende: Vanessa Springora, Jean-Yves Mollier, Nicola Denis
Moderation: Lena Seauve

Kooperationsveranstaltung: Frankreichzentrum der Freien Universität Berlin, Centre Marc Bloch, ZfL

Die table ronde bringt aus aktuellem Anlass Perspektiven aus Literatur, Verlagswesen und Wissenschaft zusammen, um die Auswirkungen von Medien- und Verlagskonzentration und die Zukunft des literarischen Feldes zu diskutieren. 

»Neun Milliardäre kontrollieren mehr als 90 Prozent der privaten Medien«: Mit dieser Formel wird in Frankreich seit Jahren die zunehmende Medienkonzentration beschrieben. Sie zielt auf die Bündelung von Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern, Verlagen und digitalen Medienangeboten in den Händen weniger Eigentümer. Über die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung wird in Frankreich seit Längerem diskutiert. Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei die Neuausrichtung des traditionsreichen Verlags Fayard nach seiner Übernahme durch die Bolloré-Gruppe, die eine breite Debatte über politische Einflussnahme im Verlagswesen auslöste.  

Eine radikale Aktualität erfuhr diese Auseinandersetzung im April dieses Jahres, als der hochangesehene Grasset-Verleger Olivier Nora von Vincent Bolloré entlassen wurde. Dies löste eine beispiellose Mobilisierung aus: Mehr als 250 Autor*innen kündigten an, ihren Verlag Grasset aus Protest verlassen zu wollen, und schlossen sich unter dem Titel États généreux des artistes-auteurs du livre zusammen, um die Rechte an ihren Werken zurückzufordern. 

Der Konflikt verweist auf eine Entwicklung, die in Frankreich wie in Deutschland zunehmend spürbar wird. Dabei geht es nicht allein um Eigentumsverhältnisse, sondern auch um deren Auswirkungen auf Meinungsvielfalt, kulturelle Produktion und demokratische Öffentlichkeit. Im Zusammenhang mit der Bolloré-Gruppe sind etwa ideologische Verschiebungen in der Medienlandschaft erkennbar, die sich vor allem in einer Neugewichtung politischer Themen und einer erhöhten Sichtbarkeit rechtskonservativer bis rechtsextremer Positionen manifestieren. Zur Debatte steht, welche Folgen Konzentrationsprozesse für die kulturelle Produktion haben: Wie verändern sie die Handlungsspielräume von Autor*innen, Verlagen und Buchhandlungen? Welche Auswirkungen haben sie auf die Vielfalt publizierter Stimmen, die Literaturkritik und Politiken der Preisvergaben und medialen Anerkennung von Schriftsteller*innen? Und welche Unterschiede oder Parallelen lassen sich im deutsch-französischen Vergleich beobachten? 

 

Vanessa Springora ist Schriftstellerin und Verlegerin. Mit ihrem Buch Le Consentement (2020; dt. Die Einwilligung, 2020) hat sie eine zentrale Debatte über Missbrauch und Machtverhältnisse im literarischen Feld ausgelöst. In der aktuellen Auseinandersetzung um die Unabhängigkeit des Verlagswesens zählt sie zu den renommiertesten Stimmen der Mobilisierung und zu den Initiator*innen der États généreux. 

Jean-Yves Mollier ist Historiker und renommierter Experte für die Geschichte des Verlagswesens, die Buchgeschichte und der kulturellen Industrien in Frankreich. Seine Arbeiten analysieren die langfristigen Wechselwirkungen zwischen Medienkonzentration, Öffentlichkeit und kultureller Produktion, u.a. in Une autre histoire de l’édition française (2015). 

Nicola Denis ist Literaturübersetzerin, Schriftstellerin, profilierte Mittlerin und Beobachterin im deutsch-französischen Feld. Sie übersetzt u.a. Honoré de Balzac, Éric Vuillard und Adèle Rosenfeld. Jüngst erschien ihr zweiter Roman Wo die Kaffeekirschen leuchten bei Matthes & Seitz Berlin (Friedenauer Presse, 2026). 

Lena Seauve ist Literaturwissenschaftlerin (Freie Universität Berlin/Universität Rostock), mit Schwerpunkten in den Bereichen Literatur der Aufklärung, Erinnerungskulturen und Darstellung von Gewalt in der französisch- und spanischsprachigen Literatur. Zu ihren aktuellen Forschungsinteressen zählen außerdem literarische Narrative und Metapolitik der transnationalen Neuen Rechten.