Vortrag
26.09.2019 · 15.30 Uhr

Sophia Gräfe: Material werden – Filmische Ökologien des Verhaltens

Ort: Universität zu Köln, Philosophikum, Universitätsstraße 41, 50931 Köln, Raum S56
ZfL-Projekt(e): Verhaltenswissen

Vortrag im Rahmen des Panels S4.04: Natur und Film – Ecocinema und Ecoaesthetics auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft Medien – Materialitäten (25.– 28.09.2019)

Dieser Beitrag verbindet die Frage nach der Materialität der Medien mit einer filmischen Wissensgeschichte des Verhaltens. Der Dreh- und Angelpunkt der Darstellung sind Wissenschaftsfilme aus der Frühzeit der modernen Verhaltensforschung, in denen eine immer schon auf Medialisierung angewiesene Idee des Verhaltens als nun scheinbar verfügbares Material Gestalt gewinnt. Gegenstand ist die vergleichende Analyse von Lehr- und Forschungsaufnahmen aus dem Kontext der bioakustischen Verhaltensforschung an Rotfüchsen von Günter Tembrock (1958) und weiteren Filmbeispielen aus der Geschichte des Forschungs- und Lehrfilms (Horst Siewert (1936) und Cornelis Naaktgeboren (1964)). Entlang der Frage nach der spezifischen kinematographischen Ökologie dieses Kontextes wird der Vortrag zunächst das Ökologische im Experimentaldesign der frühen Verhaltensbiologie aufzeigen, das Ökologische zweitens im Sinne der an diesen Forschung beteiligten Medien deuten und drittens auf die Ökologie der Medien (Löffler/Sprenger), genauer des filmischen Bildes selbst, eingehen. Zielpunkt des Beitrages ist es zu zeigen, wie sich mit der filmischen Exploration von Verhaltensweisen, diese als Material einer späteren Verhaltenssteuerung urbar gemacht wurden.

Entscheidend dabei ist der Schwellenraum der Verhaltensforschung der 1950er und 1960er Jahre, zwei Jahrzehnten in denen neue, teils bioakustische Forschungen zu tierischen Verhaltensweisen die Eigenlogik menschlicher und tierischer Aktivität im Sinne sozialer Systeme reformulierten. Am Beispiel von Günter Tembrocks, aus dem Kontext der Bioakustik stammenden Lehr- und Forschungsfilmen, wird schließlich zu sehen sein, wie methodologische Verschiebungen mit epistemischen Neujustierungen, wie mediale Dispositive mit sinnlichen Umgebungen zusammenhängen, die ihre philosophischen und politischen Dimensionen nirgendwo offener zutage treten ließen wie im ostdeutschen Berlin zu Beginn des Kalten Krieges.

Denn mit Tembrocks ›bioakustischer‹ Kinematographie des Rotfuchses vollzieht sich eine epistemische Bewegung im Diskurs des Verhaltens von der Analyse einzelner, statischer, überzeitlicher und eineindeutiger Zeichen, die vornehmlich visuell erfasst und gespeichert wurden, hin zu einem Verständnis des Verhaltens, welches sich unter dem Signet des Akustischen vielmehr für die Reziprozität von Verhaltensweisen zwischen Organismus und Umgebung, d.h. deren situationale Gebundenheit und Funktionalität interessierte. Zeitgleich und strukturanalog gewinnt das, was als Verhalten verstanden wird, in einer Ökologie des Lebens Gestalt, die sich mit dem Informationswechsel zwischen Organismen beschäftigt und folgerichtig zum Gegenstand, gar Exzess (Hörl), einer kybernetischen Modellierung und Vorhersage von Zuständen führte.

Sophia Gräfe ist Kultur-/Medienwissenschaftlerin und ZfL-Promotionsstipendiatin mit dem Projekt Verhaltenswissen. Schreib- und Beobachtungsszenen des Verhaltens am Zoologischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin (1948–1968).