Tanzende Scheren. Eine alternative Geschichte der Collage
Vorstellung von Juliane Vogel: Nehmt Scheren! Ansichten eines Werkzeugs im Zeitalter der Collage (Konstanz University Press 2026)
Als Literatur und Künste am Anfang des 20. Jahrhunderts mit geschnittenem Material zu arbeiten beginnen, bedienen sie sich eines lange diskreditierten Werkzeugs: der Schere. Erst als die Operation des Schneidens ins Zentrum künstlerischer und literarischer Produktion rückt, erfährt die Schere eine, wenngleich stets fragile, gefährdete und oft widerrufene Anerkennung. Zugleich aber repräsentiert sie ein neues Kreativitätsmodell, das nicht in der großen Kunst- und Literaturgeschichte wurzelt, sondern zu den frühen, bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Anfängen moderner Populärkultur zurückführt.
Hier nehmen die Praktiken ihren Ausgang, die auch die moderne Collage informieren werden, hier bildet sich der Vorstellungshorizont aus, der auch das Schneiden der ersten Avantgarden begleiten wird. Mit der Schere werden Originalität, Ganzheit und Schließung als grundlegende Konzepte bürgerlicher Kunst- und Literatur ausgehebelt, werden neue Akteure in den Künsten aktiv, Gattungs- und Mediengrenzen überschritten und eine Praxis entwickelt, die keine – und schon gar keine falschen – Zusammenhänge respektiert.
Wir stellen das Buch unter Beteiligung von Juliane Vogel (Universität Konstanz) und Beate Söntgen (Leuphana Universität Lüneburg) vor. Moderiert wird der Abend von Eva Geulen (ZfL).
Juliane Vogel ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart an der Universität Konstanz. Zuvor hatte sie eine Professur an der Universität Wien inne und war u.a. Gastprofessorin in Princeton, Chicago und München. 2020 wurde sie mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ausgezeichnet.
Beate Söntgen ist Professsorin für Kunstgeschichte an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie war Sprecherin des Graduiertenkollegs »Kulturen der Kritik« und hatte zuvor Professuren an der Universität Basel sowie an der Ruhr-Universität Bochum inne. Sie ist Mitglied im Beirat der Zeitschrift Texte zu Kunst.
Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL, Vorstandsmitglied der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.
Abb. oben: Hans Christian Andersen, Pierrot, o. J. Scherenschnitt, 21,8 × 15,8 cm, Odense City Museum (Ausschnitt)