Zum 85. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar. Vorstellung der Neuübersetzung von Anatoli Kusnezows »Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen«
Anlässlich des 85. Jahrestags des Massakers von Babyn Jar stellen wir die Neuübersetzung von Anatoli Kusnezows Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen (Matthes & Seitz Berlin 2026) vor.
Am 29. und 30. September 1941 trieben die deutschen Besatzer mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden aus Kyjiw und Umgebung in die Schlucht von Babyn Jar und ermordeten sie dort. In der Sowjetunion wurde dieses Massenverbrechen lange tabuisiert. Erst 1966 konnte dort Kusnezows dokumentarischer Roman über die Tragödie von Babyn Jar in einer stark gekürzten und zensierten Fassung erscheinen; eine vollständige Version wurde erst 1970 nach seiner Emigration im Ausland veröffentlicht. Anatoli Kusnezow (1929–1979) selbst war als zwölfjähriger Junge Zeuge der deutschen Besatzung Kyjiws und der nahezu vollständigen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung der ukrainischen Hauptstadt. Sein Roman ist ein einzigartiges literarisches Erinnerungsprojekt, indem er den Opfern dieses Verbrechens durch eine explizit autobiographisch grundierte Zeugenschaft eine einzigartige literarische Stimme gibt.
Im Gespräch mit der Übersetzerin Christiane Körner und der ukrainischen Publizistin Kateryna Mishchenko, die das Nachwort beigetragen hat, stellen wir den Roman und seine Editions- und Rezeptionsgeschichte vor. Christiane Körner wird Passagen aus ihrer Übersetzung lesen. Irine Beridze und Nina Weller moderieren.
Christiane Körner ist Übersetzerin russischsprachiger Literatur ins Deutsche. Sie übersetzt seit vielen Jahren Autor:innen wie Lew Tolstoi, Tatjana Tolstaja, Wladimir Sorokin oder Wassili Grossman und wurde 2017 mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet. Neben ihrer Tätigkeit als Übersetzerin arbeitet sie als Publizistin und engagiert sich für den deutsch-russischen Literatur- und Kulturaustausch.
Kateryna Mishchenko ist eine ukrainische Publizistin, Essayistin, Übersetzerin und Verlegerin. Sie ist Mitbegründerin des unabhängigen Kyjiwer Verlags Medusa und publiziert regelmäßig zu Fragen von Kultur, Erinnerung, Politik und Krieg in Osteuropa. Sie zählt zu den wichtigen ukrainischen intellektuellen Stimmen der Gegenwart und lebt heute in Berlin, wo sie für die Bundeszentrale für politische Bildung tätig ist.
Irine Beridze ist Literatur- und Filmwissenschaftlerin und derzeit als Postdoc im DFG-Projekt »Jüdisches Filmerbe« an der Universität Potsdam tätig.
Nina Weller ist Slawistin und Literaturwissenschaftlerin. Am ZfL forscht sie zu osteuropäischen Erinnerungskulturen, Populärkulturen und Gegenwartsliteraturen, mit Schwerpunkt u.a. auf Belarus.
Mit freundlicher Unterstützung des Selma Stern Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, des DFG-Projekts »Jüdisches Filmerbe« / Schwerpunktprogramm Jüdisches Kulturerbe (Universität Potsdam) und des Verlags Matthes & Seitz.
Der Büchertisch wird organisiert von der Buchhandlung ebertundweber.
Abb. oben: Schlucht von Babyn Jar (1943), Quelle: Wikimedia Commons