Poetologie der Körperschaften

Projektbeschreibung

Es hat in Europa Tradition, daß Kollektive sich als Körper imaginieren. Die daraus hervorgehende Metaphorik dient nicht allein der Veranschaulichung, sondern verfügt über institutionsbildende Kraft. Aus der imaginären Selbstvergegenwärtigung von Kollektiven als Körperschaften erwachsen politische und rechtliche Regulative, die für die europäische Staatsentwicklung grundlegend sind. Es handelt sich also um einen Vorstellungskomplex, der funktionellen Charakter besitzt, weil sich das gesamte Bezugssystem der sozialen Adressierung und Autorisierung auf ihn stützt. Insofern gehört er sachlich dem Gegenstandsbereich der Rechtsgeschichte und der politischen Wissenschaft an. Seiner metaphorischen Beschaffenheit nach fällt er indes in die Kompetenz der Literaturforschung: Sie spürt den rhetorisch-poetischen Verfahren nach, die der Produktion sozialer Realität selbst innewohnen.

Heuristisch lassen sich drei Dimensionen des Begriffs Körperschaft unterscheiden: Zum einen ist damit die bildliche Selbstrepräsentation einer sozialen Gruppe durch Referenz auf den menschlichen Körper gemeint, wie sie - in verschiedenen Traditionslinien - von Platons Politeia, Livius‘ Bericht über die Anfänge der Ständekämpfe und Paulus‘ mystischem Corpus Christi ausgehen. Der menschliche Körper ist aber nicht nur Vergleichsobjekt für den sozialen Körper, sondern - zum andern - auch dessen Bestandteil. Der Einzelkörper tritt in die Körperschaft ein, und an diesen Akt der Umwandlung knüpfen sich eine Vielzahl von Schwellengeschichten, die über die Theorien vom Gesellschaftsvertrag bis zu den Instituierungsproblemen moderner Staatsverfassungen reichen. Die dritte Dimension von Körperschaft schließlich betrifft den Vorgang der Verkörperung oder Inkorporation. In der alteuropäischen Tradition sind es Einzelne, die das Gemeinwesen verkörpern: In ihrem Körper nimmt der soziale Körper Menschengestalt an, und ihre Handlungen gelten als gültige Akte des Kollektivs. Die abendländische Herrschermystik, aber auch juristische Konstrukte wie die persona ficta, als die der Staat seit dem frühen 19. Jahrhundert bezeichnet wurde, sind Versuche, von den Schwierigkeiten und Effekten der Figur der Inkorporation zu erzählen.

Um dieses genuin europäische Verfahren, den Personenstatus von Kollektiven körperschaftlich zu denken, als Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung fruchtbar zu machen, hat das Projekt die literarischen Mechanismen analysiert, die in allen drei Dimensionen des Korporationsbegriffs am Werk sind. Untersucht wurden Umgangsweisen mit Körpermetaphoriken, die im politischen Meinungskampf plaziert und medial durchgesetzt werden mußten; Narrative der Schwelle, des Eintritts, der Konversion des vorsozialen Einzelnen zum Glied des sozialen Ganzen; sowie Geschichten um die Einsetzung in das Amt, um die Ausstattung mit der Fähigkeit, das Kollektiv zu verkörpern, und um Figuren der Investitur und der Repräsentation, die ihrer Natur nach außerordentlich bild- und textträchtig sind.

gefördert mit Mitteln der DFG 2000–2006

Publikationen

A. Koschorke, Th. Frank, S. Lüdemann, E. Matala de Mazza, Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas. Frankfurt a. M.: Fischer Tb Wiss. 2006.

Susanne Lüdemann, Metaphern der Gesellschaft. Studien zum soziologischen und politischen Imaginären. München: Fink 2004.

Albrecht Koschorke, Götterzeichen und Gründungsverbrechen. Die zwei Anfänge des Staates. In: Neue Rundschau, Heft 1/2004: Facetten des Heiligen, S. 40-55.

Albrecht Koschorke, Poiesis des Leibes. Johann Christian Reils romantische Medizin. In: Gabriele Brandstetter / Gerhard Neumann (Hg.), Romantische Wissenspoetik. Die Künste und die Wissenschaften um 1800. Würzburg 2004. S. 259-272.

Uwe Hebekus, Ethel Matala, Albrecht Koschorke (Hg.), Das Politische. Figurenlehre des sozialen Körpers nach der Romantik, München: Fink 2003.

Thomas Frank, Wundertätige Körper. Reliquien und figürliche Reliquiare im Mittelalter. In: Ebenbilder. Kopien von Körpern - Modelle des Menschen, Katalog der Ausstellung im Ruhrlandmuseum Essen 26.3.-30.6.2002, hg. v. Jan Gerchow, Ostfildern 2002, S. 73-82.

A. Koschorke, Th. Frank, S. Lüdemann, E. Matala de Mazza, A. Kraß: Des Kaisers neue Kleider. Über das Imaginäre politischer Herrschaft. Texte, Bilder, Lektüren. Frankfurt a. M.: Fischer Tb Wiss. 2002.

Thomas Frank: Bruderschaften im spätmittelalterlichen Kirchenstaat. Viterbo, Orvieto, Assisi (=Bibliothek d. Dt. Histor. Instituts in Rom, Bd. 100). Tübingen: Niemeyer 2002.