Fr, 04.12. –
Sa, 05.12.2009
Literaturtage des ZfL
Der Osten liegt in der Mitte. Literarische Ost-West-Passagen
Literaturhaus Berlin, Fasanenstr. 23, 10719 Berlin
Kontakt:
Franziska Thun-Hohenstein, Ulrike Vedder
ZfL-Projekt(e):
Topographie pluraler Kulturen Europas, in Rücksicht auf die ›Verschiebung Europas nach Osten‹
Programm
Die Zäsur des Mauerfalls hat die geopolitische und mentale Topographie
Europas nachhaltig verändert: Grenzen haben sich verschoben, zementierte
Identitäten erwiesen sich als brüchig. Zwanzig Jahre danach nun haben
literarische Erkundungen von territorial-kulturellen Zugehörigkeiten,
Genealogien und Raumentwürfen Hochkonjunktur. In den letzten Jahren
haben zudem Autorinnen und Autoren die literarische Bühne betreten, die
ein freieres literarisches Spiel mit verschiedenen Semantiken des Ostens
betreiben und die Frage nach dem Zusammenhang von geographischem Raum,
Poetik und Kultur ins Zentrum ihrer literarischen Reflexion stellen.
Dabei werden gewohnte Perspektiven durchbrochen, imaginäre Topographien
oder literarische Genealogien von Gegenden eines versunkenen
Mitteleuropas entworfen.
Zu den bevorzugten literarischen Sujets
zählen Ost-West-Passagen, in denen die Verschiebungen, Verwerfungen und
Umkodierungen der (ost)europäischen Topographie der letzten zwei
Jahrzehnte erkundet werden. Eine solche Auseinandersetzung mit –
heiteren oder melancholischen – Wahrnehmungen 'fremder' Räume und
Gepflogenheiten gewinnt in dem Maße an Tiefenschärfe, wie historische,
autobiographische oder philosophische Aspekte das Erzählen bereichern.
Dabei reicht das Spektrum der entworfenen Bewegungsmuster von
Vertreibung und Zwangsdeportation bis hin zu neu erworbenen
Möglichkeiten einer schier grenzenlosen Bewegungsfreiheit. So hat Herta
Müller gemeinsam mit Oskar Pastior am Buchprojekt Atemschaukel
(2009) gearbeitet, in dem die Zwangsdeportation von Rumäniendeutschen
in die sowjetische Ukraine zwischen 1945 und 1950 rekonstruiert wird.
Eine Gegenperspektive zu dieser Erfahrung von Gewalt entfaltet Emma
Braslavsky in ihrem Debütroman Aus dem Sinn
(2007), der die wunderliche Geschichte einer kleinen Gemeinde
vertriebener Sudetendeutscher in der DDR zwischen Erinnerung und Zukunft
erzählt. Mit der Migrationsrichtung von Ost nach West verbindet sich
vielfach die zum Stereotyp geronnene Hoffnung auf ein Leben im 'gelobten
Land'. Dieses gängige Erwartungsmuster ist zum Gegenstand
unterschiedlichster literarischer Szenarien avanciert, so in Yadé Karas
Romanen, wenn sie etwa in Selam Berlin
(2003) 'deutsch-deutsche' Ost-West-Unterschiede aus einer
'deutsch-türkischen' Perspektive thematisiert. Sprachliche
Ost-West-Passagen unternimmt die mehrfach ausgezeichnete Übersetzerin
Esther Kinsky, die in ihrem Debütroman Sommerfrische (2009) das ungarisch-rumänische Grenzgebiet und dessen Umbrüche zeichnet.
Entdeckungen
werden aber vielfach auch und gerade in scheinbar gewohnten Räumen
gemacht. Literarische Semantiken des Ostens in der neueren Literatur
entwerfen geopoetische Modelle zwischen bisweilen schmerzhaften
Verlusterfahrungen – Bora Ćosić nennt den Bericht seiner Reise durch das
frühere Jugoslawien Die Reise nach Alaska
(2007) – und einer spielerisch-leichten (Wieder-)Entdeckung pluraler
Kulturräume. "In Europa liegt der Osten paradoxerweise dort, wo die
Mitte des Kontinents liegt", formulierte der ukrainische Schriftsteller
Juri Andruchowytsch pointiert, dessen Texte literarische Genealogien von
Gegenden eines versunkenen Mitteleuropas sind. Diese "Mitte des
Kontinents" beschäftigt auch den Filmemacher Stanisław Mucha, der in
seinem Dokumentarfilm Die Mitte
(2004) eine Reihe von deutschen, österreichischen, polnischen oder
ukrainischen Stätten besucht, die sich genau an jenem Mittelpunkt
verorten. Dževad Karahasan erkundet in seinen fiktionalen und
essayistischen Texten – etwa Das Buch der Gärten (2002) oder Berichte aus der dunklen Welt
(2007) – den europäischen Osten als Übergangsraum vom Okzident in den
Orient, als Grenzraum zwischen Christentum und Islam. Die 'Orientalische
Frage' erkundet auch der Künstler und Schriftsteller Haralampi G.
Oroschakoff in seinem historischen Panorama Die Battenberg-Affäre
(2007).Peter Demetz (geb. 1922 in Prag) verknüpft in seinen Erkundungen
Historisches und Persönliches. Im jüngst erschienenen Buch Mein Prag
(2007) erinnert er an seine Jugendzeit und zeichnet zugleich das
Portrait von Prag als Ort eines produktiven Miteinanders von
tschechischer, jüdischer und deutscher Kultur.
Freitag, 4. Dezember 2009
14:30-16:30 Uhr
Dževad Karahasan: Lesung und Gespräch mit Hildegard Kernmayer
Emma Braslavsky: Lesung und Gespräch mit Daniel Weidner
17:00 Uhr
Yadé Kara
Die Autorin ist leider erkrankt, die Moderatoren lesen aus ihren Texten.
20:00 Uhr
Stanislaw Mucha: Filmpräsentation Die Mitte und Gespräch mit Tile von Damm
Samstag, 5. Dezember 2009
15:00-17:00 Uhr
Esther Kinsky: Lesung und Gespräch mit Christina Pareigis
Juri Andruchowytsch: Lesung und Gespräch mit Franziska Thun-Hohenstein
17:30-19:30 Uhr
Haralampi G. Oroschakoff: Lesung und Gespräch mit Zaal Andronikashvili
Bora Cosic: Lesung und Gespräch mit Armin Schäfer
20:00 Uhr
"Literarische
Ost-West-Passagen": Podiumsgespräch mit Juri Andruchowytsch, Esther
Kinsky, Stanislaw Mucha; Moderation: Franziska Thun-Hohenstein und Ulrike Vedder
In Bild und Ton
Von dieser Veranstaltung gibt es verschiedene Bild- und/oder Ton-Dokumente.
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