Jahrestagung des ZfL
05.12.2018 – 07.12.2018

Formen des Ganzen

Ort: ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum

Ganzheitsvorstellungen waren den Geisteswissenschaften in den letzten Jahrzehnten meist suspekt. Mit Blick auf die ›totalitär‹ genannten Regime des 20. Jahrhunderts ist diese Scheu vor dem Ganzen gut nachvollziehbar. Doch ›das Ganze‹ hat sich längst zurückgemeldet: im Diskurs der Globalisierung und in globalen Phänomenen wie dem Klimawandel und der Migration, in der Rückkehr der Religionen, des Volkes und der Nation, in Debatten um universelle Werte und Rechte, aber auch in Gestalt ›ganzheitlicher‹ Ansätze in Medizin und Psychologie. Als Big Data schließlich steht das Ganze virtuell und digital zur Verfügung. Es gibt also dringlichen Anlass, dem Ganzen gerade jetzt nachzuforschen.

Aber wie rückt man das Ganze in den Blick? Welche Perspektiven stehen zur Verfügung? Weil mit dem Ganzen Möglichkeiten und Grenzen seiner Darstellung verbunden sind, werden im Mittelpunkt der diesjährigen ZfL-Jahrestagung FORMEN des Ganzen stehen: epistemische, symbolische, politische und nicht zuletzt literarische. Besteht das Ganze notwendig aus Teilen, und wie lassen sich Teile gestalten, damit sie glaubhaft auf eine ihnen übergeordnete Einheit verweisen? Unter welchen ästhetischen oder medialen Bedingungen lässt sich das Ganze überhaupt fixieren? Ist es prinzipiell figurierbar und lässt es sich auf einen Blick erkennen, oder erschließt es sich erst über mühsam kanalisierte Prozesse des Verstehens? Wie haben literarische Gattungen, etwa Roman, Epos oder das Gedicht, im historischen Prozess auf diese Herausforderungen reagiert? Und welche Formen nimmt das Ganze in wissenschaftlichen Diskursen oder Disziplinen an, deren modernes Selbstverständnis von Vorstellungen einer systematischen Einheit ihrer Gegenstände oft emphatisch abhängt? Was ist schließlich der politische Untergrund des Ganzen, seiner bewussten Organisation, seiner rhetorischen Prätension oder kalkulierten Verfehlung in Literatur, Geschichte und Recht?