Jahresthema 2018/2019: Formen des Ganzen

Projektbeschreibung

Das neue Jahresthema des ZfL knüpft an die vorangegangenen Bemühungen um DIVERSITÄT in den Bereichen der Natur, des Sozialen und der Kultur mit einer gewissen Zwangsläufigkeit an. Denn wer sich mit der Vielfalt beschäftigt, kann der Frage nach der Einheit der Vielfalt und damit nach dem Ganzen nicht ausweichen. So ist etwa das Schlagwort von der Biodiversität ein absolut inkludierender Begriff und damit Chiffre eines Ganzen. Allerdings wurden Ganzheitsvorstellungen im 20. Jahrhundert von Regimen in Anspruch genommen, die nicht zufällig ›totalitär‹ heißen. Auch deshalb stehen die heutigen Geisteswissenschaften dem Ganzen kritisch gegenüber. Jener Geist, der sie einmal als Wissenschaften binden und von den Naturwissenschaften unterscheiden sollte, gehört ja selbst zur Sippschaft unifizierender Begriffe, die ein Ganzes meinen oder behaupten.
»Das Ganze ist das Unwahre.« Der an Hegel anschließende und gegen ihn gerichtete Satz aus Adornos Minima Moralia dürfte die bündigste Formulierung des Affekts gegen das Ganze sein. Aber selbst er enträt nicht der Zweideutigkeit: Wer vom Ganzen spricht, hat die Wahrheit (des Konkreten und Besonderen) bereits verraten. Der Satz besagt freilich auch, dass die Unwahrheit selbst das Ganze sei.
Doch es gibt reichlich Anlass, dem Ganzen gerade jetzt und mit Dringlichkeit nachzuforschen: im Diskurs der Globalisierung und in globalen Phänomenen wie Klimawandel und Migration, in der Rückkehr der Religionen, des Volkes und der Nation, in Debatten um universelle Werte und Rechte, in der Favorisierung ›ganzheitlicher‹ Ansätze in Medizin und Psychologie. In der Theoriebildung haben verabschiedet geglaubte Großbegriffe wie Kapitalismus, Klasse, aber auch Ontologie Konjunktur, und als Big Data steht das Ganze virtuell und digital zur Verfügung.
Dabei hat ›das Ganze‹ viele Namen: Einheit, Totalität, Absolutes, aber auch Leben, Geist, Prozess oder System. Es ist nicht nur in seinen Begriffen, Metaphern und deren Geschichte zu untersuchen, sondern auch hinsichtlich verschiedener Zugangsweisen und Beobachtungsmodi. Dazu gehören die Schau im griechischen Sinne von theoria oder in dem der mittelalterlichen Mystik, das Konzept der methexis, der Teilhabe in ihren vor- und nachplatonischen Formen, verschiedene Deutungen von Integration, die Übersetzung (translatio imperii und translatio studii), szientifischer oder technischer Determinismus, die Hervorbringung des ›ganzen Menschen‹ in modernen Bildungskonzepten, aber auch in esoterischen Wissenschaften und politischen Bewegungen – hier wiederum oft mit totalitären Tendenzen, die ›den Menschen‹ in einem größeren Ganzen aufgehen lassen möchten.
Nachdem das antike Konzept des Kosmos zerfallen war, vervielfältigten sich die Ganzheitsbegriffe. Damit verlor der neuzeitliche Mensch zwar seinen privilegierten Rang in der Schöpfung, aber gerade die kopernikanische Wende versetzte ihn auch in die Lage, sich noch effektiver als zuvor die Erde und das All untertan zu machen. In dieser Ermächtigung, das Ganze zu unterwerfen, sah Hannah Arendt in Vita Activa das Erbe der Neuzeit in der Moderne fortwirken: in einer »nun wirklich ganz und gar ›universal‹ und kosmisch gewordenen Wissenschaft, die die Prozesse des Weltalls in die Natur hineinleitet trotz des offenbaren Risikos, ihren Haushalt und damit das Menschengeschlecht selbst, das in diesen Haushalt gebannt ist, zu vernichten.« Genau das zeigt sich in den totalitären Herrschaftsformen des 20. Jahrhunderts: Mit Totalitarismus hat man es Arendt zufolge immer dann zu tun, wenn politisches Handeln im Namen eines universalen Gesetzes der Natur oder der Geschichte auftritt. Dieser Ideologie sah sie die neue Form des Staatsterrors verschwistert, die den Anspruch erhob, unmittelbar die Vollstreckung des Gesetzes der Natur oder der Geschichte zu sein.
Arendts Überlegung verdeutlicht, wie wichtig die Frage nach den Formen ist, in denen ein Ganzes sich artikuliert und zur Darstellung kommt. Solche FORMEN DES GANZEN stehen im Mittelpunkt unserer Beschäftigung mit dem Thema: politische, symbolische, epistemische und nicht zuletzt literarische Formen. So ist das antike Versepos von jeher und besonders aus moderner Blickrichtung als Ausdruck einer Ganzheit oder Totalität betrachtet worden, die der Moderne nicht mehr möglich sei. Doch Epen – moderne wie antike – zeichnen sich durch Redundanzen, Digressionen und Sprünge aus, die sowohl Einheit wie Ganzheit vermissen lassen. Umgekehrt versuchen kleinere Formen wie das Beispiel und die Fallgeschichte ihre Partikularität auf die eine oder andere Weise zu überschreiten und im Besonderen, Einzelnen oder Kleinsten ein Ganzes in den Blick zu rücken.
Nicht das Ganze des Ganzen ist der Fluchtpunkt unserer historisch breiten und interdisziplinären Arbeit, sondern die Vielfalt seiner Formen. Auf sie bleibt das Ganze auch dort angewiesen, wo es sich, wie heute, als unabweisbar zurückmeldet und aufdrängt.

 

Abb. oben: © D.M. Nagu

 

 

 


Dieser Text ist die Kurzfassung eines Blogbeitrags von Eva Geulen: FORMEN DES GANZEN. ZfL-Jahresthema 2018/19, veröffentlicht im ZfL BLOG am 10.04.2018.

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05.12.2018 – 07.12.2018

Formen des Ganzen

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum

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10.09.2018 – 13.09.2018

Epos und Episode

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04.07.2018 · 19.00 Uhr

Eva Horn (Universität Wien): Lokal – global – planetarisch. Klima als Raum

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03.05.2018 – 05.05.2018

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